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YOU MATTER. – auf deutsch: „Du bist wichtig.“ oder „Du bist nicht egal.“

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Das stand auf einer CD, die ich mir vor einiger Zeit bestellt habe. Sie ist voller Gedichte von Denice Frohman, einer Poetin aus den USA, deren Texte ich liebe. Ich habe ein signiertes Exemplar bekommen, auf das sie schrieb: „You matter.“

Es war bestärkend für mich, und es wärmte mein Herz, das zu lesen. Es ist vermutlich eines von vielen „You matter.“ Aber es ist meins. Dieses hier ist nur für mich. Es baut mich auf, es stärkt mein Selbstwertgefühl. Ich bin nicht egal.

“You matter” bedeutet aber noch so viel mehr.

Aber lasst mich an einem anderen Punkt ansetzen.

Schon oft habe ich Menschen sagen hören, dass man doch eher in die Zukunft blicken sollte und bestimmte Dinge aus der Vergangenheit ruhen lassen sollte. Man soll sich nicht mehr damit auseinandersetzen, weil es nun schon lange vorbei ist. Wir dürfen uns nicht ständig selbst fertig machen, nur weil Dinge wie der Holocaust oder Sklaverei passiert sind. Es ist doch schon so lange her, wir müssen nach vorne blicken.

Mir fällt dazu ein, dass meine Mutter vor einiger Zeit mit meinem Vater über den sexuellen Missbrauch gesprochen hat, der ihr in ihrer Kindheit widerfahren ist. Und er meinte “Ja, aber das ist ja schon so lange her, das ist ja jetzt nicht mehr so wichtig, es ist ja vorbei.” Und es hat sie geschockt, dass er so denkt. Ich glaube auch nicht, dass er wirklich so denkt. Ich glaube, dass er sich das einredet, weil er nicht weiß, wie er damit umgehen soll. Und weil er möchte, dass alles gut ist. Und so kann er diesen Eindruck für sich selbst aufrecht erhalten. Doch für sie war es sehr schwer, das von ihm zu hören. Seit ca. 15 Jahren ist sie in Therapie, um das zu verarbeiten und damit umgehen zu lernen, was ihr damals passiert ist. Es ist immer noch da, es wird immer auf irgendeine Weise in ihrem Leben präsent sein.

Weil die Dinge, die uns passieren, immer in uns weiterleben werden. Aber sie können das auf verschiedene Weise tun. Wenn man es versucht zu vergessen, zu ignorieren, zu verdrängen und sich einredet, dass es nicht so ist, nicht so war, oder dass es einfach vorbei und nicht mehr relevant ist, dann kann es unsere Entscheidungen und Handlungen in negativer Weise beeinflussen. Man wird nicht kompetenter im Umgang mit schwierigen und konfrontativen Situationen, sondern nur ängstlicher und unsicherer. Wenn man sich damit aber auseinandersetzt und es auf gesunde Weise verarbeitet, wird man bei Konfrontationen mit schwierigen Situationen bewusster und lösungsorientierter handeln können. Man wird in der Lage sein, mit den Dingen umzugehen, WEIL das Vergangene ganz bewusst in einem weiterlebt. Und dann ist es auch nicht mehr so belastend, damit konfrontiert zu werden.

Und ähnlich ist es eben auch mit den Dingen, die nicht direkt uns selbst, sondern unseren Eltern, unseren Großeltern, den Menschen in unserer Umgebung, den Menschen in den Medien passiert sind. Allen, die uns irgendwie beeinflussen.

Nicht nur individuelle Erlebnisse, sondern auch kollektive Erlebnisse einer Gesellschaft müssen verarbeitet und geheilt werden, damit sie sich nicht wiederholen.

Deshalb leben Holocaust und Sklaverei in uns weiter. Der Rassismus, der dafür ausschlaggebend war, ist mit dem Ende des Krieges oder mit sich ändernden Gesetzen nicht plötzlich verschwunden. Genauso wenig verschwand Homophobie in den USA, als die gleichgeschlechtliche Ehe in allen Staaten legal wurde. Genauso wenig verschwanden Ungerechtigkeit und Gewalt gegen Frauen, nachdem sie wählen durften. In unseren Köpfen, in unseren Herzen leben diese Gedanken, Vorurteile, und Ängste weiter.

Ein Grund, warum ich auf diese zeitliche Komponente eingehe, ist, dass gerade so Vieles so kurz aufeinanderfolgend und teilweise parallel hier auf der Welt passiert. Im Nahen Osten herrscht Krieg,  vor nur ein paar Monaten starben 130 Menschen bei Terroranschlägen in Paris, 352 wurden verletzt. Die seelischen Verletzungen sind dabei noch ausgenommen. Vor gerade mal einem Monat wurden in Orlando, Florida, 49 Menschen erschossen, die in einen queeren Nachtclub ausgegangen waren, um ihre Identität auszuleben und zu feiern. In der vergangenen Woche starben wieder 7 Menschen in den USA. Zwei davon waren Schwarze Männer, die von Polizisten erschossen wurden. Daraufhin gingen tausende Menschen in ganz Amerika (und auch an anderen Orten) auf die Straße und bei einem der Proteste in Dallas kam es wiederum zu Schießereien, bei denen fünf Polizisten ums Leben kamen. Heute morgen bin ich aufgewacht und las online als erstes überall den Hashtag #PrayForNice, weil dort letzte Nacht ein LKW in eine Menschenmenge raste und dabei mindestens 84 Menschen tötete.

Und auch unmittelbar vor unserer Haustür spielen sich genug Beispiele dafür ab, in welch unruhiger Zeit wir uns gerade befinden: Noch immer ist das Thema “Flüchtlinge” aktuell, Britannien steigt aus der EU aus, PEGIDA und AfD freuen sich über Unterstützende und Asylunterkünfte werden in Brand gesteckt.

Es scheint mit jedem Wimpernschlag ein neues Unglück zu passieren, eine neue Ungerechtigkeit, eine neue Tragödie. Wie soll man damit umgehen, ohne abzustumpfen? Wie soll man es an sich heranlassen, ohne zu zerbrechen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, was ich dazu sagen soll oder was ich dazu sagen könnte, um es erträglicher zu machen. So viele dieser Dinge betrachte ich aus einiger Entfernung. Ich bin meist nicht mitten im Geschehen.

Ich weiß aber, dass mich das alles sehr beunruhigt und mir Angst macht. Und dass ich mich hilflos fühle angesichts all diesen Leids, an dem ich doch anscheinend nichts ändern kann. Und irgendwie stimmt das ja auch.

Ich kann die Kriege auf der Welt nicht beenden. Ich kann Hunger und Armut nicht beenden. Ich kann die Ausbeutung von Tieren nicht beenden. Ich kann das Justizsystem in den USA nicht reformieren. Ich kann die Asylpolitik nicht – schnipp – einfach so ändern…

Ich stelle mir die Frage: Zähle ich? Zählt irgendetwas, das ich tue? Muss ich machtlos zusehen, wie Dinge passieren, von denen ich nicht will, dass sie passieren? Ich bekomme das Gefühl, dass ich doch nichts ausrichten kann.

Um noch einmal auf den zeitlichen Aspekt zu kommen: Ich glaube, es ist wichtig, den Gesamtzusammenhang nicht aus den Augen zu verlieren. Was jetzt gerade passiert, ist auch eine Folge von Geschehnissen aus der Vergangenheit. Wir dürfen nicht vergessen. Wir können auch gar nicht vergessen, denn auch unbewusst lebt es in uns weiter.

Auch in deiner Umgebung. In der Stadt, in der du lebst. In deiner Nachbarschaft. In deinem Haus.

Zum Beispiel wurde der Dom in Regensburg (meine Heimatstadt) in der letzten Woche von Geflüchteten besetzt. Sie protestieren gegen die ihnen drohende Abschiebung in angeblich “sichere Herkunftsländer”, in denen sie jedoch in größter Gefahr sind. Ein großer Teil von ihnen sind Roma. Die Verfolgung von Sinti und Roma steht unmittelbar mit dem Holocaust in Verbindung – unsere Vergangenheit hat zu ihrem heute noch immer andauernden Leid beigetragen.

Die Vergangenheit ist nicht tot. Die Vergangenheit ist nicht “vergangen”. Sie ist präsent in uns, in unseren Mitmenschen auf der ganzen Welt und wir alle sind auf komplexe und vielschichtige Weise miteinander verbunden. Jede*r Einzelne ist ein Teil davon.

Wir alle wachsen in einer Welt auf, die sexistisch, rassistisch und heteronormativ geprägt ist. Und wir alle sind Menschen und daher fehlerhaft. Wir können nicht immer ALLES wissen. Aber sich genau dieser Tatsache bewusst zu sein ist ein entscheidender Punkt. Offen zu bleiben, um zu lernen. Und die eigene Fehlerhaftigkeit nicht zu verurteilen.

Wenn du in dieser Welt aufgewachsen bist und nicht zufällig gleichzeitig JEDER auf irgendeine Weise benachteiligten Gruppe von Lebewesen angehörst und dadurch deren Erfahrungen teilst, dann gibt es Dinge, die du übersiehst. Es gibt Dinge, die du von deinem Standpunkt aus nicht sehen kannst, die für andere aber mehr als präsent sind (genauso wie es Dinge gibt, die für dich präsent und für andere unsichtbar sind). Und dadurch wird es passieren, dass du Dinge sagst oder tust, die z.B. rassistisch oder sexistisch oder heterosexistisch sind und die andere Menschen verletzen. Dass du Dinge tust und sagst, die Ungerechtigkeiten verstärken. Und wenn du Kinder bekommst, kann es sein, dass sie diese Dinge auch von dir lernen. Wenn du nichts dagegen tust, reproduzierst du das Problem.

Du kannst in dieser Sache nicht neutral bleiben.

Und ja, du bist wichtig. Wie es dir geht, ist wichtig. Wie bei allen anderen Menschen auch gibt es in deinem Leben Dinge, mit denen du zu kämpfen hast. Deshalb fang bei dir an. Kümmere dich um dich.

Aber du kümmerst dich nicht um dich, indem du andere runtermachst. Du kümmerst dich nicht um dich, indem du andere aus dem Land wirfst und sie ihrer Not überlässt. Du kümmerst dich nicht um dich, indem du andere ihrer Rechte beraubst. Du kümmerst dich nicht um dich, indem du andere tötest oder töten lässt. Du kümmerst dich um dich, indem du dich um dich kümmerst.

Höre dir selbst ganz aufmerksam zu. Sei so ehrlich wie möglich. Höre anderen zu. Höre wieder dir zu. Lerne. Sammle Wissen über die Vergangenheit, die in dir weiter lebt. Sammle Wissen über die Gegenwart, und wie sie mit dir zusammenhängt. Lerne und teile dein Wissen. Damit du die Zukunft ändern kannst.

Egal, was du tust, es hat eine Wirkung. Sei so verantwortungsvoll, es bewusst zu tun. Du kannst etwas ausrichten.

Du zählst. You matter.

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YOU MATTER.

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This was written on a CD I ordered a while ago. It is full of poems by Denice Frohman, a Poet from the USA, whose lyrics I love. I received a signed copy, and she wrote on it: “You matter.”

It was encouraging and heartwarming to read that. It is probably one of many “You matter.” But it’s mine. This one is specifically for me. It props me up and strengthens my self esteem. I matter.

But “You matter” means so much more.

Let me start at a different point, though.

I’ve often heard people say that we should concentrate on the future, and let certain things from the past rest. We shouldn’t deal with things anymore that have been over for so long. We can’t constantly beat ourselves up, just because things like the Holocaust or Slavery happened. They happened long in the past and we have to look forward.

What comes to my mind is that a while ago, my Mom talked to my Dad about the sexual abuse that happened to her in her childhood. And he said: “Well, but that was so long ago, it’s not important anymore, because it’s over now.” And it shocked her that he thinks that way. I don’t believe he really thinks that way. I think he talks himself into believing that because he doesn’t know how to deal with it. And because he wants everything to be okay. And that’s how he can uphold that impression for himself. But for her, it was very hard to hear that from him. For about 15 years she has been in therapy learning to cope with what happened to her back then. It is still there, it will always be present in her life in some way.

Because the things that happen to us will always live on inside of us. But they can do that in different ways. If we try to forget, ignore, replace them and tell ourselves that they’re not true, didn’t happen or are just over and not relevant anymore, then they can influence our decisions and actions in negative ways. We won’t get more competent facing difficult and confrontational situations, instead we’ll get more afraid and insecure. But if we deal with things and process them in a healthy way, we will be able to handle confrontations and challenging situations more awarely and solution-oriented. We will be able to deal with things BECAUSE the past lives on in us consciously. And it will be less burdensome to be confronted with things.

And it is similar with the things that happened not to ourselves but to our parents, our grandparents, the people surrounding us, the people in the media… anyone who has any kind of impact on us.

Not only individual experiences but also collective experiences of a society have to be processed and healed, so they don’t recur.

That’s why Holocaust and Slavery live on in us. The racism connected to it did not suddenly disappear with the end of the war or with changing laws. Just as homophobia didn’t disappear in the US when same-sex marriage became legal in every state. Just as injustice and violence against women didn’t disappear when they were allowed to vote. In our heads, in our hearts, these thoughts, prejudices and fears live on.

One reason why I am talking about this temporal component is that right now so many things are happening in this world in short intervals of time and sometimes simultaneously. War is raging in the Middle East. Only a few months ago 130 people died in a Terrorist Attack in Paris, 352 were injured. One month ago, in Orlando, Florida, 49 people were shot who had been out in a queer night club to live and celebrate their identity. In the past week, 7 more people died in the US. Two of them were Black men shot by police officers. After that, thousands of people all over America (and other places) went onto the streets and at one of the protests in Dallas there were shootings again, resulting 5 dead police officers.

This morning I woke up and read the Hashtag #PrayForNice everywhere online, because last night, a truck ran into a crowd and killed at least 84 people.

And also directly at our front door enough examples are taking place for how turbulent this time is: The issue “Refugees” is still highly topical, Britain leaves the EU, PEGIDA and AfD have more and more supporters and Refugee accommodations are set on fire.

With every blink there seems to be another disaster, another injustice, another tragedy. How can we cope with that without dulling? How can we let it come close to us without breaking?

I don’t know. I don’t know what to say. What I could possibly say to make it more bearable. I am watching so many of these things from some distance. Mostly, I’m not in the midst of the events.

But I know, that this unsettles and scares me a lot. And that I feel helpless in the face of all this suffering that, apparently, I can’t change. And that is kind of true.

I can’t end the wars in the world. I can’t end hunger and poverty. I can’t end the exploitation of animals. I can’t reform the justice system in the USA. I can’t just snap my fingers and change the Asylum Policies…

I ask myself: Do I count? Does anything count, that I do? Must I, powerlessly, watch things happen that I don’t want to happen? I get the feeling that I just can’t make a change.

Let me revisit the temporal component: I think it is important to not lose sight of the general context. What is happening right now, is also a consequence of events in the past. We must not forget. We cannot forget, because even unconsciously, they live on in us.

They are in your environment as well. In the city where you live. In your neighborhood. In your house.

For example, refugees were seeking church asylum in the Cathedral of Regensburg (my home city) last week. They protested against being deported in so-called “safe home countries”, where they, however, are in the greatest danger. Many of them are Roma. The persecution of Sinti and Roma is directly connected to the Holocaust – our past had an impact on their currently still ongoing struggle.

The past is not dead. The past is not “past”. It is present in us, in our fellow human beings all over the world and we all are connected in complex and multilayered ways. Every single one of us is a part of it.

We all grow up in a world that is shaped by sexism, racism and heteronormativity. And we all are humans and therefore flawed. We cannot know EVERYTHING all the time. But being aware of this very fact is a crucial point. Staying open to learn. And not judging one’s own faultiness.

If you grew up in this world, and if you are, by any chance, not part of EVERY single group of living beings who are disadvantaged in any way and therefore share their experiences, then there are things that you overlook. There are things, that you can’t see from your point of view, that are more than present for others (just as there are things that are present for you and invisible for others). And thus, you will happen to say or do things that are e.g. racist or sexist or heterosexist and that hurt other people. That you say and do things that reinforce injustices. And if you have kids, they might learn these things from you, too. If you don’t do anything about it, you reproduce the problem.

You cannot stay neutral in this.

And yes, you are important. How you are doing, matters. Just like every other person you have things you struggle with in your life. So start with yourself. Take care of yourself.

But you don’t take care of yourself by bullying other people. You don’t take care of yourself by throwing other people out of the country and abandoning them to their fate. You don’t take care of yourself by depriving other people of their rights. You don’t take care of yourself by killing others or having them killed. You take care of yourself by taking care of yourself.

Listen to yourself carefully. Be as honest as possible. Listen to others. Listen to yourself again. Learn. Gain knowledge about the past that lives on inside of you. Gain knowledge about the present and how it is connected to you. Learn and share your knowledge. So you can change the future.

No matter what you do, it has an impact. Be responsible and do it consciously. You can make a change.

You matter.

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[ geschrieben von | written by Anna (M) ]

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