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[ English version below ]

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Hallo,

neulich habe ich bei einer von mir organisierten Veranstaltung einen Infostand betreut und ein Typ kam auf mich zu und hat mich nach Inhalt und Struktur meiner Arbeit gefragt. Nachdem ich ihm das erklärt habe, schaute er mich an und sagte dazu: „Ooh, du bist voll süß.“

Ich kann diesen Satz einfach nicht mehr hören! Ich hätte fast geweint. Was muss ich denn noch alles an mir ändern um nicht reduziert zu werden auf „süß“? Es kostet so viel Kraft mich zu bilden und das Wissen zu vermitteln. Ich versuche immer, noch besser, klüger, kompetenter zu werden. Wann wird das anerkannt? Wann sagen Menschen: „Oh, du bist klug“ oder „Wow, danke. Das war hilfreich/ Du hast mir geholfen“? Ich war mitverantwortlich für diese Veranstaltung, verdammte Scheiße. Das hat mit „süß“ überhaupt nichts zu tun. Ich möchte, dass die Menschen aufhören das zu sagen. Ich will so nicht gesehen werden.

Habt ihr einen Rat für mich? Hätte ich etwas sagen sollen? Dann hätte es sicher wieder geheißen: „Jetzt darf man Frauen nicht einmal mehr Komplimente machen!“ – So eine Scheiße!

Anonyme Frage

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Anna (M) sagt:

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Tatsächlich ist es so, dass diese „Komplimente“ keine sind. Beziehungsweise wenn DAS Komplimente sind, dann darf man keine mehr machen, nein. Es ist herabsetzend.

Aber vor allem eine Sache fällt mir hier auf, und die ist mir ganz wichtig: Du musst nicht anders sein als du bist. Du musst nicht besser, klüger, kompetenter werden. Es ist nicht dein Fehler, sondern seiner. Das Ganze erinnert mich stark an victim blaming, das heißt, dem Opfer wird die Schuld gegeben: so wird zum Beispiel auch Frauen sehr oft die Schuld gegeben, wenn sie sexuell belästigt werden, weil sie ja ein so kurzes Kleid getragen haben. „Wenn sie nicht ‚so gesehen‘ werden will, dann muss sie sich eben anders anziehen.“ Weil wir solche Aussagen gewohnt sind, suchen wir oft die Schuld bei uns, wenn wir schlecht behandelt werden: „Hätte ich irgendetwas tun können, damit mir das nicht passiert wäre?“ Die Situation die du beschreibst, ist ein gutes Beispiel für alltägliche Sexismen, denen Frauen ausgesetzt sind. Und auch du scheinst die Schuld dafür bei dir suchen. Du sagst, dass du etwas an dir ändern musst, um nicht mehr als „süß“ heruntergespielt zu werden. Das ist Quatsch. Er hat was falsch gemacht und nicht du.

Du bist sicher super kompetent und informiert und selbst wenn du es nicht wärst, hättest du es verdient, ernst genommen zu werden. Dich unter Druck zu setzen, etwas an dir zu ändern, legt nur noch mehr Last auf dich. Und es wird das Problem auch nicht lösen:

Ab wann ist denn der Punkt da, dass eine Frau ernst zu nehmen ist? Was muss sie denn erreicht haben? Muss sie studiert haben, muss sie Professorin sein? Oder darf sie auch „nur“ eine Hausfrau sein? Darf sie ohne Schulabschluss oder Ausbildung oder „Karriere“ sein?

Versteh mich nicht falsch, Schulabschluss usw. ist super, aber er sollte nicht der Grund sein, warum man jemanden ernst nimmt oder nicht.

Wenn er dich herabsetzt durch so einen Kommentar, dann macht er das, weil er ein Arsch ist. Weil er ein Mann ist, der als Mann sozialisiert ist und sein Privileg nicht kapiert. Sein Verhalten ist das Problem, und nicht deins. Wenn es sich ändern soll, muss er damit konfrontiert und darüber aufgeklärt werden beziehungsweise sich am besten eigenständig damit auseinandersetzen.

Es ist auch nicht deine Aufgabe/Verantwortung, ihn darüber aufzuklären. Schon gar nicht direkt in dieser Situation.

Es ist immer dieses Problem. Privilegierte Menschen sind sich ihrer herablassenden Aussagen/Handlungen/Denkweisen meist nicht bewusst, während die Opfer dieser Herablassung es ganz intensiv spüren und immer wieder erleben, und deswegen auch besser verstehen, warum es nicht in Ordnung ist. Deswegen scheint es oft in ihre Verantwortung zu fallen, da etwas dagegen zu tun. Genauso ist es ja auch, wenn weiße Menschen immer wollen, dass Schwarze Menschen ihnen Rassismus erklären und so. Und sich dann beschweren, wenn die dann sagen: „Bildet euch gefälligst selbst, das ist nicht unsere verdammte Aufgabe.“

Wenn so etwas wieder passiert, kannst du etwas sagen, musst du aber nicht. Wenn du dich selbst gerade superschlecht deswegen fühlst und fast am Weinen bist, musst du nichts sagen.

Du musst dich auf jeden Fall nicht bedanken für so ein „Kompliment“. Du kannst auch verächtlich schnauben, wenn du willst.

Oder dich einfach wegdrehen und mit jemand anderem reden. Oder es übergehen und ihm weiter kluge Dinge erzählen. Oder ihm einen Keks geben und sagen: „Wenn du nach was Süßem suchst, hier ein Keks. Wenn du nach kompetenter Informationsvermittlung suchst, dafür bin ich hier.“


Hello,

the other day, I hosted an info desk at an event I had co-organized and a guy came to me and asked me about the content and structure of my work. After I explained it to him, he looked at me and said: “Aww, you’re such a sweetie.”

I am so fed up with hearing this line! I almost cried. What else do I have to change about myself to not be reduced to being “sweet/cute”? It costs me so much energy to educate myself and to impart this knowledge. I keep trying to be better, smarter, more competent. When will this be recognized? When will people say: “Oh, you’re so smart.” Or: „Wow, thanks. That was helpful / You helped me“?

I was one of the people responsible for this event, damnit. That has nothing to do with „cute“ or „sweet“. I want people to stop saying that. I don’t want to be looked at this way.

Do you have any advice? Should I have said something? Then he probably would’ve said: „Now you can’t even give a woman compliments anymore!” – This really sucks!

Anonymous question

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Anna (M) says:

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Actually, these „compliments“ are none. Or if these ARE compliments, then no, you can’t give compliments anymore. It’s belittling.

But there is especially one thing that I’m noticing here, and it’s very important to me: You don’t have to be different than you are. You don’t have to become better, smarter, more competent. It’s not your mistake, it’s his.

This whole thing reminds me strongly of victim blaming. Just like when, for example, women are blamed when they’re sexually harassed, because they wore a short dress. “If she doesn’t want to be ‘looked at this way’, she should dress differently.” Because we are so used to such statements, we often blame ourselves when we are being treated badly: “Could I have done anything differently that would have prevented this from happening to me?” The situation you describe is a good example of the everyday sexisms that women experience. And you as well seem to blame yourself. You say you need to change something about yourself so you won’t be belittled as “cute”. That’s crap. He did something wrong and not you.

I am sure you are super competent and informed and even if you weren’t, you would deserve being taken seriously. Pressuring yourself to change just puts a bigger burden on you. And it will not solve the problem:

When should a woman be taken seriously? What must she have achieved? Must she have studied, have a PhD? Or may she be “just” a housewife? May she have dropped out of school, have had no vocational training or have no “career”?

Don’t get me wrong, finishing school etc. is super, but it shouldn’t be the reason why someone is taken seriously or not.

If he belittles you with such a comment, then because he is an ass. Because he is a man socialized as a man, not understanding his own privilege. His behavior is the problem, not yours. And in order for that to change he must be confronted and educated about this or rather educate himself about it.

It is also not your responsibility to educate him. Especially not right in that particular situation.

It’s always this problem. Privileged people are mostly not aware of their demeaning words/actions/ways of thinking, while victims of this demeaning keep feeling and experiencing it, which also makes them understand better why it’s not okay. That’s why they often are made responsible for doing something about it. It’s similar when white people want Black people to explain them things about racism and get upset when they tell them “go get educated yourself it’s not our fucking job.”

If something like this happens again, you can say something, but you don’t have to. If you feel miserable in that moment and at the verge of crying, you don’t have to say anything.

But you definitely don’t have to thank him for such a “compliment”. You could snort disdainfully, if you want.

Or just turn away and talk to someone else. Or just ignore his remark and keep telling him smart things. Or give him a cookie and say: “If you’re looking for something sweet, here’s a cookie. If you’re looking for competent information transfer, that’s what I’m here for.”

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Bildquelle des Beitragsbildes (eigene Bearbeitung)

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