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REPOST VOM 10.11.2016

9. November: Reichspogromnacht

 [ English version below ]

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Gestern haben wir ja einen Kommentar zum Ausgang der US-Wahl veröffentlicht. Wir haben darin versprochen, dass wir die Reichspogromnacht noch ein wenig ausführlicher erläutern werden, die in dem Text angesprochen wurde. Anja hat deshalb einige Gedanken für euch aufgeschrieben:

Der kurze Auszug aus dem Wikipedia-Artikel im gestrigen Text mag vielleicht einen groben Überblick über die Ereignisse der Nacht vom 9.11. zum 10.11.1938 geben (und darum ging es uns im Artikel von gestern auch zunächst), aber er enthält – trotz seiner Kürze – einige sehr schwierige Passagen, die ich nicht so stehen lassen kann und deshalb versuchen möchte, sie aufzulösen. Folgt mir auf meiner Gedankenreise, wenn ihr Lust dazu habt.

1) Der letzte Absatz des Ausschnitts suggeriert eine direkte und lineare Konsequenz der Reichspogromnacht über eine systematische Verfolgung von Jüd*innen bis zum Holocaust. Erstens entsteht hier der Eindruck einer phasenweisen, klar abgegrenzten Entwicklung, zweitens läuft man bei dieser Reihung Gefahr, lediglich an die grausame staatliche Repression zu denken und dabei den gesellschaftlichen Antisemitismus und Rassismus zu verdrängen. Der Weg zu Regierungsprogramm und Staatsdoktrin musste aber auch hier erst geebnet werden. Formen von Antisemitismus herrschten schon lange vor dem Nationalsozialismus innerhalb vieler Gesellschaften. [Zum ersten Einlesen möglicherweise hilfreich:

http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37944/was-heisst-antisemitismus,

http://www.netz-gegen-nazis.de/lexikontext/was-ist-antisemitismus,

https://de.wikipedia.org/wiki/Antisemitismus_(bis_1945)]

Einzelaktionen gegen Jüd*innen von NSDAP-Mitgliedern und SA beginnen auch schon weit vor 1938. Einen Versuch einer reichsweiten Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte wurde unter Druck der SA bereits am 1. April 1933 gestartet; es folgen bis zur Reichspogromnacht zahlreiche gesetzliche Maßnahmen, die die Ausgrenzung von Jüd*innen aus dem wirtschaftlichen, wie sozialen Leben immer weiter vorantreiben und von Gewalt und Terror begleitet werden.

2) Wenn ich das Wort „Reichskristallnacht“ lese, könnte ich kotzen. Es hört sich nach einer wunderbaren Party an, zu der man dringend eingeladen werden möchte (oder auch nicht, weil man keinen Bock auf elitäre Veranstaltungen hat). Dass damit auf die zerbrochenen Fensterscheiben, die nach der Zerstörung der jüdischen Geschäfte, Wohnungen und öffentlichen Einrichtungen hingewiesen werden soll, ist einfach nur ekelhaft. Als ob es hier nur zu materiellen Zerstörungen gekommen wäre! Die Verwüstungen zielten nicht nur auf möglichst großen materiellen Schaden, sondern ebenfalls in einem hohen Maß auf die Demütigung und Demoralisierung der gesamten jüdischen Gemeinde. Demonstrativ wüteten die nicht selten in Zivil auftretende SA vor den Augen von Jüd*innen, die vorher bereits physische Quälereien durch selbige erleiden mussten.

3) „Es wurden Synagogen zerstört“, „es wurden Jüd*innen inhaftiert“, „es wurden Menschen ermordet“. Ihr merkt es sicher bei dieser Zusammenstellung sofort: Diese Sätze stehen alle im Passiv. Warum zur Hölle? Denken die Autor*innen denn, dass es für alle klar ist, wer hier gehandelt hat? Denken sie, dass die einmalige Erwähnung des „nationalsozialistischen Regimes“ am Anfang des Artikels ausreicht? Nein! Einfach nein! Ich weiß, dass es manchmal mühsam oder schwierig erscheint, die nationalsozialistischen Organisationen differenziert zu nennen. Deshalb aber keine Täter zu nennen, ist nicht tragbar. Und obwohl die Pogromnacht vor allem das Chaos und das widerwärtige Machtstreben innerhalb der Partei, SA, SS, sowie die unklaren Rollen der Staatspolizei und der (sogenannten) Schutzpolizei aufdeckt, lassen sich doch einige Verursacher und Täter klar nennen: Propagandaleiter Joseph Goebbels; zahlreiche Gauleiter der NSDAP; Einheiten der SA (oftmals auch auswärtige), Behörden –  insbesondere Polizei und Feuerwehr und die Hitlerjugend. Letztendlich vollzogen die GESTAPO und die SS die meist systematischen und durch das Fehlen von rechtlichen Grundlagen und Haftbefehlen als willkürlich zu bezeichnenden Verhaftungs- und Verschleppungsaktionen von jüdischen Menschen – vor allem wohlhabenden – nach Befehlen Reinhard Heydrichs und Weisungen Heinrich Himmlers.

Auch die Verhaltensweisen der nichtjüdischen Bevölkerung sind beschreibbar. Offene und vor allem breitenwirksame Zustimmung durch nicht-organisierte Bürger*innen mag es vielleicht nicht gegeben haben, aber auch keinen nachhaltigen Protest. Den helfenden und mutigen Einzelaktionen stehen sogar hemmungslose Plünderungen des jüdischen Besitzes und aktive Teilnahme an den brutalen Gewaltakten entgegen. Die Verschleppung in die Konzentrationslager fand am Morgen des 10. November statt. Oftmals unter Beifall der nichtjüdischen Bevölkerung, die sich teilweise zusätzlich an den Demütigungen der GESTAPO und SS durch Beschimpfungen und Bespucken der durch die Städte getriebenen Jüd*innen beteiligten. Die Trümmer der verwüsteten und zersprengten Synagogen, Geschäfte und Wohnungen lagen überall auf der Straße. Ein „Wir haben es doch nicht wissen können“ kann hier keine Gültigkeit mehr haben. Ein Nicht-Handeln kann sicher auch durch Angst erklärt werden, genauso aber mit Ignoranz, Billigung und Bestätigung.

4) Eine Aneinanderreihung von Fakten und Zahlen ist notwendig, aber diese reine Sachlichkeit schafft eine Distanz. Eine Distanz, von der einige sicherlich sagen werden: Ja, das liegt doch daran, dass das schon vor so langer Zeit passiert ist! Das ist richtig; doch wenn wir wirklich verstehen wollen, was passiert ist, wenn wir bereit sind für die Gegenwart zu lernen, dann müssen wir den Terror und die damit verbundenen Schicksale wieder näher an uns heranlassen. Keine Zahl wird ausdrücken können, wie sehr die Menschen gelitten haben. Deshalb möchte ich euch ein kurzes Video einer jüdischen Regensburgerin ans Herz legen, die die Reichspogromnacht miterleben musste:

(wenn ihr das Video in YouTube öffnet, findet ihr über „Einstellungen -> Untertitel -> Automatisch übersetzen -> Deutsch“ eine nicht ganz perfekte, aber doch gut verständliche deutsche Übersetzung)

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[ geschrieben von Anja ]

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November 9th: Reichspogromnacht

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Yesterday, we have published a comment about the results of the US-Elections. And we promised to explain the “Reichspogromnacht” a little further, that we have mentioned in that text. Anja has written down some thoughts for you:

The short excerpt from the Wikipedia article in yesterday’s text may give a rough overview of the events of the night from 9th to 10th of November 1938 (and that was basically what we needed for yesterday’s article), but it contains – despite its shortness – some very problematic passages that I cannot leave unchallenged. Therefore, I would like to try to unravel them. If you like, you can follow my train of thoughts:

1) The last paragraph of the passage suggests a direct and linear consequence of the Reichspogromnacht to the systematic persecution of Jews and to the Holocaust. Firstly, the impression of a phased, clearly delineated development emerges here. And secondly, this might lead you to only think of the cruel state repression and replace the societal antisemitism and racism. The way to the government program and state doctrine had to be paved beforehand. There have been forms of antisemitism long before national socialism in many societies. [First helpful input can be found here:

http://european-forum-on-antisemitism.org/,

https://www.ushmm.org/wlc/en/article.php?ModuleId=10005175,

https://en.wikipedia.org/wiki/Antisemitism]

Isolated actions against Jews by members of the NSDAP and SA have begun long before 1938. One attempt to a nationwide boycott of Jewish shops had already been started under the pressure of the SA on April 1st 1933; Up to the Reichspogromnacht, numerous legislative measures followed, which forwarded the exclusion of Jews from economic as well as societal life and were accompanied by violence and terror.

2) Reading the word “Kristallnacht” (“Crystal Night”) makes me want to vomit. It sounds like a wonderful festivity which you urgently want to be invited to (or you don’t, because you are not into those elitist events). That the term points to the broken window panes of the destroyed shops, flats and public buildings is absolutely disgusting. As if there had only been material destruction! The devastations did not just aim for material damage as big as possible, but also, to a high degree, for the humiliation and demoralization of the entire Jewish community. Ostentatiously, the SA, often in civilian clothes, raged in front of the eyes of Jewish People who they had physically tormented right before.

3) „Synagogues were destroyed“, „Jews were incarcerated“, „people were murdered“. Reading these phrases, you notice it right away: They are all written in passive. Why the hell? Do the authors think that it is clear for everyone, who had acted here? Do they think that the single reference to the “nationalsocialist regime” in the beginning of the article is enough? No! Just no! I know that it sometimes seems tedious and difficult to state the nationalsocialist organisations distinctively. However, not stating any perpetrator is unacceptable. And even though the Pogromnacht particularly reveals the chaos and the repugnant striving for power inside the party, the SA, the SS, as well as the unclear roles of the Staatspolizei and the (so-called) Schutzpolizei, some perpetrators and originators can definitely be identified: Propaganda minister Joseph Goebbels; numerous Gauleiters of the NSDAP; Units of the SA (often external ones), authorities – especially the police and fire department and the Hitler Youth. Eventually, the GESTAPO and the SS executed the mostly systematic and – due to the absence of legal foundations and warrants – arbitrary actions of arrest and deportation of (especially wealthy) Jewish People, commanded by Reinhard Heydrich and Heinrich Himmler.

The non-Jewish citizens‘ behavior can be described as well. There might not have been any open and especially widespread approval by non-organized citizens, but neither was there any lasting protest. Isolated actions that were helping and courageous were actually opposed by rampant depredations of Jewish property and active participation in the brutal acts of violence. The deportation to the concentration camps took place in the morning of November 10th. Often under the applause of the non-Jewish people who partially participated in the humiliations by the GESTAPO and the SS, calling names to and spitting on the Jewish people who were pushed through the cities.

The remains of the devastated scattered Synagogues, shops and flats were dispersed everywhere on the streets. Statements like “We couldn’t have known about it” cannot be valid anymore at this point. Fear might be an explanation for not acting at all, but ignorance, consent and approval can explain that as well.

4) Stringing together facts and numbers is necessary, but this pure dispassion creates distance. A distance that certainly some people explain by saying: Yeah, that’s because it happened such a long time ago! That is true; but if we really want to understand what happened, if we are poised to learn about the present, then we must let the terror and the involved fates get to us again. No number will be able to express how much people have suffered. Thus, I want to warmly recommend to you a short video of a woman from Regensburg who had to experience the Reichspogromnacht herself:

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[ written by Anja, translated by Anna (M) ]

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