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[ English version below ]

Regenbogenherz | Zur Bundestagswahl 2017

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Gestern fiel mein Regenbogen-Herz-Button von meiner Jacke ab. Ich hab ihn vor ein paar Jahren auf dem CSD in Regensburg bekommen. Er lag plötzlich da, auf meinem Sofa, wo ich kurz zuvor meine Jacke hin abgeworfen hatte, nachdem ich von der Wahl nach Hause gekommen war. Ein kleiner Draht am Verschluss war verbogen.

Vor ein paar Wochen waren Anja und ich in Berlin. Sie zeigte mir das Holocaust-Denkmal, das ich noch nie besucht hatte. Auf dem Weg dorthin fragte ich sie, was die Aussage dieser Stelen sein sollte, die ich bisher nur auf Fotos gesehen hatte. Sie meinte, das würde ich dann selbst spüren, wenn wir dort wären. Und sie hatte Recht. Wir bogen um eine Ecke, und da sah ich diesen großen Bereich mit all diesen grauen Wandstücken, und sie erinnerten mich an Grabsteine. Wir betraten das Denkmal gemeinsam und mit jedem Schritt weiter zur Mitte schien sich mehr und mehr Gewicht auf meine Schultern zu laden. Meine Atmung wurde schneller, ich begann, mich gehetzt und zugleich ausweglos zu fühlen. Ich begann zu weinen. Ich weinte, weil alles, was ich bisher über den Holocaust gelernt hatte, in mein Bewusstsein stieg. Ich weinte, weil mir dieser Ort nicht in erster Linie die historischen Fakten und Zahlen hinklatschte, sondern weil er mir ein Gefühl vermittelte. Ein Gefühl, das man vielleicht nur nachvollziehen kann, wenn man es selbst erlebt.

Eigentlich hatte ich nicht vor, über dieses Erlebnis zu schreiben. Es geht mir da ähnlich wie Anja, die mir zuvor nicht erklären wollte, was die Stelen aussagen sollten, weil ich es viel eindringlicher selbst spüren würde, ohne vorher eine Erklärung erhalten zu haben. Am besten geht ihr selbst dorthin und lasst euch darauf ein. Aber wie ihr lesen könnt, habe ich mich nun doch dazu entschieden, darüber zu schreiben.

Gestern ist etwas passiert, das ich nicht sehen und nicht wissen wollte. Weil ich Angst davor hatte. Ich habe trotzdem nachgesehen, wie die Wahl ausging. Danach hab ich mich mit einem Hummusbrot vor meinen Laptop gesetzt und eine DVD angeschaut. Ich war nicht unbedingt überrascht von dem Ergebnis, aber es ist trotzdem sehr ernüchternd, zu sehen, wie viele Menschen offenbar vergessen haben, was damals passiert ist. Wie viele Menschen vielleicht gar nicht so genau wissen oder verstehen, was damals passiert ist. Wie vielen Menschen es egal zu sein scheint und wie viele Menschen dorthin zurückwollen. Wir haben nichts gelernt. Ich hab‘s nicht ausgehalten, deshalb bin ich abgetaucht in den Film, den ich mir angesehen habe. Nur weg aus dem Hier und Jetzt.

Weil die Probleme manchmal wie Selbstläufer erscheinen, die einfach zu verstrickt und durcheinander sind, als dass man sie entwirren könnte, wollte ich sie mir gestern lieber gar nicht ansehen. Ich habe Angst vor dem, was kommen wird und Angst vor all der Arbeit, die wir vor uns haben. Aber ich will nicht, dass es so weitergeht und ich will nicht tatenlos zusehen oder einfach wegsehen. Ich will, dass wir weitermachen. Ich will, dass wir zusammenhalten.

Ich hab den Verschluss repariert. Es war nur ein verbogener Draht. Der Button hängt jetzt wieder an meiner Jacke. Regenbogenherz.

Jetzt erst recht.

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[ geschrieben von Anna (M) ]


Rainbow heart | About the parliamentary elections in Germany 2017

 

Yesterday, my rainbow-heart-button fell off my jacket. I got it a few years ago at Pride in Regensburg. It suddenly lay there, on my sofa, where I had thrown my jacket just moments before, after coming home from voting. A little wire of the clasp was bent.

Some weeks ago, Anja and I were in Berlin. She showed me the Holocaust-Memorial, which I had never visited before. On the way there, I asked her what the intention of those stelae was, that I had only ever seen on photos so far. She said I would feel it myself when we would get there. And she was right. We turned around a corner, and there I saw this big space with all these grey wall-pieces, and they reminded me of gravestones. We entered the monument together and with every step closer to the center, more and more weight seemed to load on my shoulders. My breathing got faster, I began feeling rushed and hopeless all at once. I started to cry. I cried, because everything I’ve ever learned about the Holocaust rose into my consciousness. I cried, because this place didn’t primarily confront me with the facts and numbers, but it conveyed a feeling. A feeling that one can maybe only understand when one has experienced it.

I actually didn’t intend to write about this experience at all. I feel similar to Anja, who didn’t want to tell me in advance what the stelae meant, because I would feel it more intensely myself without a prior explanation. It would be best if you go there yourself and engage in it. But as you can read, I have decided to write about it after all.

Yesterday, something happend, that I didn’t want to see or know. Because I was afraid of it. And yet I did check the results of the election. After that, I sat in front of my Laptop with a Hummusbread and watched a DVD. I wasn’t exactly surprised by the result, but it is still very sobering to see how many people apparently have forgotten what happened back then. How many people maybe don’t really know about it so well or don’t understand what happened. How many people seem to not care and how many want to go back. We haven’t learned a thing. I couldn’t handle it, so I dived into the movie I was watching. Just to get away from the here and now.

Because the problems sometimes appear like self-propellers, too entangled and chaotic to unravel them, I rather didn’t want to look at them yesterday. I am afraid of what is coming and I’m afraid of all the work we have in front of us. But I don’t want things to continue like this and I don’t want to watch inactively or look away. I want us to keep going. I want us to stick together.

I repaired the clasp. It was just a bent wire. The button is now back on my jacket. Rainbow heart.

Now more than ever.

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[ written by Anna (M) ]

 

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