p

p

p

Ursprünglich veröffentlicht auf Everyday Feminism | Originally published on Everyday Feminism.

p

Über 20 Schwierigkeiten, mit denen psychisch Kranke / neurodiverse1 Menschen an Hochschulen und Universitäten zu kämpfen haben

p

von Sian Ferguson

p

(Warnung: beinhaltet ableistische Schimpfwörter)

p

Ich sollte mein Studium eigentlich im Jahr 2016 beenden. Aber im April – vier Monate vor meinem letzten Studienjahr – habe ich abgebrochen.

Oder, wie ich es lieber nenne, ich nahm mir eine Pause vom Studieren, bis ich mich wieder bereit fühle, mich in die akademische Welt zu begeben.

Es gibt viele Gründe dafür, warum ich abgebrochen habe, aber ein ausschlaggebender ist, dass meine psychische Erkrankung es mir nahezu unmöglich machte, zu studieren. Meine PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) verursachte Probleme bei der Konzentration und beim Schreiben, meine Depression führte dazu, dass ich mich sehr unmotiviert fühlte und meine Angststörung hielt mich von der regelmäßigen Teilnahme an Kursen ab und davon, Hilfe zu finden.

Mit den Symptomen meiner psychischen Erkrankung umzugehen war unbeschreiblich schwierig. Doch mit ableistischen „Mikroaggressionen“ auf dem Campus umzugehen, war noch viel härter.

Es war extrem schmerzhaft, ableistischen Beschimpfungen auf dem Campus ausgesetzt zu sein. Es war extrem schmerzhaft, wenn bezüglich meiner Schwierigkeiten angedeutet wurde, ich würde nicht hart genug arbeiten. Es war extrem schmerzhaft, mich mit Lehrenden auseinandersetzen zu müssen, die davon ausgingen, dass meine psychische Erkrankung eine Ausrede war, um Arbeit zu vermeiden.

Akademische Räume sind unbeschreiblich hart für viele Menschen, einschließlich derer von uns, die psychisch krank / neurodivers1 sind, denn Universitäten sind – wie fast alles in der Gesellschaft – nicht immun gegen Unterdrückung. Unterdrückungsformen existieren in diesen Räumen, ebenso wie es sie überall sonst gibt.

Im Folgenden sind ein paar von den vielen Herausforderungen aufgelistet, vor denen psychisch Kranke / neurodiverse Menschen an Universitäten und Hochschulen stehen.

Manche dieser Herausforderungen treffen nur auf bestimmte Universitäten zu. Manche sind die Folge von Universitätsmanagement, während andere aus campusweiten und gesellschaftlichen Einstellungen resultieren.

Doch all diese Schwierigkeiten können psychisch kranke / neurodiverse Menschen tiefgreifend beeinträchtigen. Und aus diesem Grund erfordern sie von uns Vorsicht und eine mitfühlende und verständnisvolle Reaktion.

p

Lasst uns hiermit anfangen:

p

1. Richtlinien – wie die der Universität von Chicago – die Trigger Warnungen verbieten.

Trigger Warnungen können sehr nützlich sein, um psychisch kranken Menschen beim Umgang mit ihrem emotionalen Zustand zu helfen.

p

2. Menschen in Lehrveranstaltungen, Gruppendiskussionen und Übungen zum Sprechen zu zwingen.

Obgleich dies eine gut gemeinte Methode sein mag, jede*n in die Diskussionen miteinzubeziehen, kann dies ein Alptraum für Menschen mit sozialen Ängsten oder beeinträchtigter exekutiver Funktion sein.

p

3. Menschen dazu zu zwingen, während der Einführungs- oder Orientierungstage Kontakte zu knüpfen/sich zu unterhalten

p

4. Einführungsriten, die das Erschrecken und die Erniedrigung von Studierenden beinhalten.

p

5. Lehrende, die Studierende beschämen, wenn sie nicht immer zu den Lehrveranstaltungen erscheinen.

Ich verstehe, dass mangelnde Anwesenheit Lehrende demotivieren kann, vor allem wenn sie sehr viel Aufwand in ihre Kurse stecken.

Doch die Realität ist, dass diejenigen von uns, die Erkrankungen haben – sowohl mental als auch physisch – oft Auszeiten brauchen, um uns um uns selbst zu kümmern. Wenn wir Menschen beschämen, die selten an Lehrveranstaltungen teilnehmen, dann beschämen wir auch diejenigen, die zu krank sind, um anwesend zu sein.

p

6. Lehrende, die Studierende beschämen, wenn sie Lehrveranstaltungen früher verlassen müssen.

Ich musste gelegentlich aufgrund meiner Angststörung früher aus Lehrveranstaltungen gehen. Ich weiß, dass es oft als unhöflich und respektlos gewertet wird, doch hier ist es wichtig, etwas mehr Einfühlungsvermögen aufzuweisen.

Manche Menschen mögen früher gehen, weil sie gelangweilt sind – doch viele andere haben triftige Gründe dafür.

[ Anmerkung der Übersetzerin: Langeweile kann auch ein triftiger Grund sein – und zwar dann, wenn die Langeweile aus schlechter Unterrichtskonzeption resultiert. Anwesenheitspflicht ist aus vielfältigen Gründen an der Universität nicht unbedingt sinnvoll. 😉 ]

p

7. Lehrende, die sich, selbst wenn sie in der Lage dazu sind, weigern, Notizen/Folien zu den Veranstaltungen für diejenigen zu veröffentlichen, die in den Kursen abwesend sind.

Notizen so zugänglich wie möglich zu machen, ist essentiell bei der Unterstützung von psychisch kranken / neurodiversen Studierenden.

[ Anmerkung der Übersetzerin: Es gibt auch Menschen, die aufgrund von Beeinträchtigungen nicht in der Lage sind, eigenständig Notizen zu machen. ]

p

8. Die Verwendung ableistischer Schimpfwörter wie “verrückt”, “Psycho” oder “blödsinnig“ [u.v.a.] in Lehrveranstaltungen und sozialen Zusammenhängen.

p

9. Psychologievorlesungen, -seminare und -tutorien, in denen psychisch kranke / neurodiverse Menschen ständig als „anders“ dargestellt / marginalisiert werden.

Ich habe an ziemlich vielen Lehrveranstaltungen teilgenommen, in denen sowohl Lehrende als auch Studierende annahmen, niemand im Raum könnte möglicherweise eine der Erkrankungen haben, über die sie diskutierten.

p

10. Beratungsstellen – falls sie Studierenden angeboten werden – die teuer, unzugänglich oder unprofessionell sind.

p

11. Komplizierte Prozesse bei der Beantragung von Krankzeiten oder Krankmeldung.

Unterbrechungen des Studiums wegen Krankheit unzugänglich zu machen, macht die Universität für kranke Menschen unzugänglich.

p

12. Die allgemeine Annahme, dass Studierende, die Arbeiten zu spät einreichen, faul seien.

p

13. Dazu gezwungen zu sein, jedes Mal, wenn man abwesend ist, ein ärztliches Attest einzureichen.

Manche Universitäten haben Regelungen, die es einem nur aus medizinischen Gründen erlauben, aus einer Vorlesung oder einem Seminar wegzubleiben.

Unglücklicherweise ist Gesundheitsversorgung – psychologisch oder anderweitig – nicht immer zugänglich, und nicht alle von uns können jedes Mal, wenn wir eine Auszeit brauchen, eine*n professionelle*n Mediziner*in aufsuchen.

[ Anmerkung der Übersetzerin: in Deutschland ist die Krankenversicherung zwar verpflichtend, diese umfasst jedoch nicht immer alle Erkrankungen bedingungslos. Oft gibt es einen hohen Eigenanteil zu bezahlen. Außerdem ist es in Deutschland extrem schwer, einen geeigneten und bezahlbaren Therapieplatz für psychische Erkrankungen zu finden. Zudem ist das Aufsuchen von Ärzt*innen ein Aufwand, der nicht immer (und sofort) ohne weiteres machbar ist. ]

p

14. Regelungen, die Menschen dazu zwingen, ihr Studium in einer bestimmten Zeit fertigzustellen, ohne das Risiko, Stipendien oder finanzielle Hilfen zu verlieren.

p

15. Kampagnen auf dem Campus, in denen es um Behinderungen geht, die jedoch nicht diejenigen zentrieren, die tatsächlich von Ableismus unterdrückt sind – gleichzeitig aber progressiv und inklusiv erscheinen wollen.

p

16. Studierende zu beschämen, die abbrechen oder mehr Zeit brauchen, um ihr Studium zu absolvieren.

Für viele Menschen – einschließlich psychisch kranke / neurodiverse Menschen – ist das Studium zu verlängern oder abzubrechen die mutigste und weiseste Entscheidung, die sie treffen können.

p

17. Bigotte Vortragende einzuladen, am Campus zu sprechen.

p

18. Regelungen, die missbräuchliches Verhalten nicht effektiv maßregeln.

Nicht alle, die misshandelt werden, bekommen dadurch eine psychische Erkrankung – doch viele von uns schon. Wenn disziplinäre Regelungen es schwermachen, Missbrauch und Diskriminierung zu melden, und diese nicht effektiv ansprechen, dann leugnen sie unser Trauma. Manchmal sind wir gezwungen, uns zwischen unserem Abschluss und unserer Sicherheit zu entscheiden.
Für diejenigen von uns mit PTBS und anderen Erkrankungen ist dies ein Alptraum.

p

19. Extrem hohe Studiengebühren.

Hohe Gebühren beeinträchtigen finanziell schwache Studierende stark. Für finanziell schwache Studierende, die außerdem psychisch krank / neurodivers sind, ist der Druck, die Gebühren zu bezahlen, besonders schädlich.
Das liegt nicht nur daran, dass der finanzielle Druck schwer zu tragen ist, sondern auch, weil eine psychische Erkrankung – und für Therapien und Medikation zu bezahlen – an sich teuer sein kann. Hohe Gebühren halten sehr viele marginalisierte Menschen von Universitäten fern – einschließlich psychisch Kranker.

p
[ Anmerkung der Übersetzerin: Selbst ohne Studiengebühren (in Deutschland vielerorts der Fall) ist das Studium eine teure Angelegenheit. Auch bei Erhalt von BAFöG oder anderen Studienkrediten ist es für die meisten Studierenden notwendig, neben dem Studium zu arbeiten – eine Zusatzbelastung, die für Menschen mit Erkrankungen meist nicht tragbar ist und zur Anhäufung von Schulden und/oder schlussendlich Studienabbruch auch aus finanziellen Gründen führen kann. ]

p

20. Regelungen, die Studierende dazu zwingen, eine Therapie zu machen, wenn sie nicht vom Studium ausgeschlossen werden möchten.

An manchen Universitäten müssen Studierende zustimmen, ein Therapieprogramm zu besuchen, nachdem sie eine Auszeit wegen psychischer Erkrankung genommen haben.
Dies mag gut gemeint erscheinen, doch ist Therapie nicht für alle zugänglich, noch funktioniert sie für tatsächlich jede*n.

p

21. Die Annahme, dass Menschen mit einem Abschluss denen ohne einen Abschluss intellektuell überlegen sind.

Es gibt zahlreiche Gründe, warum Menschen nicht studieren oder ihr Studium nicht beenden. Zum einen möchte nicht jeder Mensch an die Uni, und das ist vollkommen in Ordnung.
Es gibt außerdem viele Unterdrückungsformen, die es unbeschreiblich schwer machen, zu studieren. Ableismus ist einer dieser Faktoren. Klassismus, Rassismus, Sexismus, Cissexismus und Heterosexismus sind ein paar weitere.
(Außerdem müssen wir dem Mythos widerstehen, dass gebildete Menschen nicht diskriminierend sein können.)

p

22. Und natürlich ist Ableismus mit anderen Unterdrückungsformen verbunden, denn sie alle hängen zusammen.

Diskriminierung zu erleben kann sehr traumatisierend sein, und damit kann es für diejenigen von uns, die psychische Erkrankungen haben und gleichzeitig auf andere Arten marginalisiert sind, ganz besonders gefährlich sein.
Universitäten sind nicht frei von Kyriarchie, und diese Unterdrückung beeinträchtigt auch psychisch kranke / neurodiverse Menschen.

p

***

p

Die akademische Welt wird nie vollkommen zugänglich für alle sein. Letztendlich geht es ja auch darum Menschen bezüglich ihrer Intelligenz zu bewerten – was an sich immer ableistisch sein wird.

Vor diesem Hintergrund gibt es dennoch viele kleine Möglichkeiten, wie wir die akademische Welt ein wenig leichter gestalten können.

Lehrende können sich bemühen, Trigger Warnungen in ihre Kurse zu integrieren. Sie können ihre Notizen für Studierende zugänglich machen. Sie können nachsichtig sein, wenn es darum geht, wegen psychischer Krankheit Deadlines oder Kurssitzungen zu verpassen.

Verantwortliche können Richtlinien erarbeiten, die psychisch kranke / neurodiverse Studierende und Mitarbeitende berücksichtigen.

Wenn wir diese Schwierigkeiten nicht abschaffen können, können wir sie zumindest im Bewusstsein tragen und denen, die sich mit ihnen herumschlagen müssen, Verständnis zeigen.

p

p

p

[ übersetzt von Anna (M) ]

____________________

1) In der englischen Originalversion dieses Artikels wurde der Begriff “mentally ill” verwendet. Dieser ist im Deutschen sowohl als „psychisch“ als auch „geistig krank“ übersetzbar. Er beinhaltet vor allem auch Menschen mit Störungen wie zum Beispiel AD(H)S oder Autismus. Ein im Englischen oft verwendeter Überbegriff ist daher neben „mentally ill“ auch „neuroatypical“ oder „neurodivergent“, im Deutschen oft als „neurodivers“ übersetzt. Für die deutsche Übersetzung war daher der Begriff „psychisch krank“ nicht weitreichend genug und wird hier mit „neurodivers“ kombiniert.

Nächster in Artikel

Vorheriger in Artikel




- KONTAKT -


Created with Wordpress Theme Hitchcock

© Queerlig 2016