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Psychisch krank – Warum outest du dich nicht?

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Bei einer psychischen oder geistigen Erkrankung oder Behinderung ist es ja meistens so, dass andere Menschen einem das nicht unbedingt ansehen können. Wenn du so eine Erkrankung hast, wissen andere also erst einmal gar nichts davon. Oft verbringt man aber sehr viel Zeit mit ihnen, vor allem wenn man zum Beispiel mit ihnen zusammenarbeitet oder enger befreundet ist. Es werden also mit der Zeit schon ab und zu Symptome deiner chronischen Erkrankung oder Behinderung auftauchen, die du dann vielleicht irgendwie erklären musst. Du stehst dann also vor der Entscheidung, ob du es ihnen erzählst oder nicht. Wenn du wegen der Krankheit zum Beispiel häufiger zuhause bleiben musst oder viele Therapietermine hast. Oder wenn manche Dinge für dich nicht genauso funktionieren wie für andere. Zum Beispiel kannst du vielleicht bestimmte Filme nicht ansehen, weil ihre Inhalte bei dir einen Flashback zu einem traumatischen Erlebnis auslösen könnten. Wie sagst du das deinen Freund*innen? Oder im Beruf, die Arbeitszeiten, wie oft es Pausen gibt, oder auch bestimmte Aufgaben des Jobs, die du vielleicht ein wenig anders erledigst als es andere machen würden. Vielleicht sind es auch die Räume, in denen du arbeiten sollst, die so für dich nicht so gut funktionieren, weil du zum Beispiel Angst vor engen Räumen hast, oder es sehr wichtig ist, dass du ein Fenster in deiner Nähe hast, um genug Licht und Luft zu bekommen. Wie kannst du den Kolleg*innen und Vorgesetzten all diese Dinge erklären?

Wenn du die Erkrankung oder Behinderung nicht erzählen willst oder kannst, dann führt das vielleicht dazu, dass du dich einfach nicht mehr so oft mit Freund*innen triffst und dich eher zurückziehst. Privat ist das vielleicht möglich, aber im Job wird das oft ein wenig komplizierter. Da musst du dir wahrscheinlich immer wieder Notlügen ausdenken. Zum Beispiel eine Erkältung erfinden, wenn du dich krankmeldest. Oder sagen, du hättest Asthma, und müsstest deswegen nah beim Fenster sitzen, um genug Sauerstoff zu bekommen. Oder sehr häufig aufs Klo gehen, um wenigstens für ein paar Minuten heimlich eine kleine Pause machen zu können. Aber gut fühlt es sich auf keinen Fall an, wenn man einen Teil von sich die ganze Zeit verstecken muss und die anderen Menschen immer wieder anlügt. Oder immer wieder das Gefühl hat, dass die anderen einen seltsam finden, weil sie das Verhalten nicht verstehen können. Eigentlich würdest du ihnen das vielleicht sehr gerne einfach erklären. Warum also nicht einfach die Wahrheit sagen? Du könntest sagen, welche Erkrankung du hast und was du so brauchst, um auch mit der Erkrankung oder Behinderung gute Arbeit leisten zu können oder welche Unternehmungen du mit deinen Freund*innen gut machen kannst und welche für dich eher schwierig sind, oder warum du Verabredungen mit ihnen manchmal kurzfristig absagen musst. Wenn du Glück hast, sind deine Freund*innen bzw. das Team, in dem du arbeitest, offen und verständnisvoll, und es können gemeinsam Möglichkeiten überlegt werden, wie die Zusammenarbeit/die Freundschaft am besten gestaltet werden kann.

Leider ist das sehr oft nicht so. Wenn man seinen Mitmenschen von seiner psychischen oder geistigen Erkrankung oder Behinderung erzählt, reagieren sie meistens ganz unterschiedlich auf so ein Outing. Manche scheinen zunächst sehr verständnisvoll zu sein, du merkst aber dann vielleicht doch, dass sie dich jetzt anders behandeln. Manche reagieren auch sofort sehr negativ. Viele kranke/behinderte Menschen wissen das natürlich und haben deshalb auch Angst, darüber zu sprechen und behalten es lieber für sich.

Hier sind einige Reaktionen, die viele Menschen haben, wenn jemand sich als psychisch krank outet:

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Sie glauben dir nicht.

Viele Leute können so etwas wie zum Beispiel eine Depression gar nicht wirklich verstehen. Sie halten es für Schwäche, und sagen Dinge wie: „Jeder Mensch ist mal traurig“ oder „Wir alle haben mal einen schlechten Tag“ und verlangen, dass man sich eben ein wenig zusammenreißt. Sie sind zwar in der Lage, körperliche Erkrankungen zu verstehen und anzuerkennen, aber psychische Erkrankungen existieren für sie eigentlich gar nicht richtig. Dass Erkrankungen wie zum Beispiel Depressionen aber auch auf gewisse Weise körperlich sind, wissen viele gar nicht. Bei Depressionen gerät nämlich der Stoffwechsel der Botenstoffe im Gehirn aus dem Gleichgewicht und verursacht dann die Gefühle der Antriebslosigkeit und Verzweiflung. Das kann man auch durch „Zusammenreißen“ nicht einfach überwinden.

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Sie halten dich für faul.

Diejenigen, die einem nicht so recht glauben, meinen dann oft auch ganz gern, dass man nur faul sei, und es sich nur um Ausreden handeln würde.

Auch da sind wir wieder beim Gehirn. Tatsächlich passieren da nämlich bei emotionalem Schmerz ganz ähnliche Dinge wie bei körperlichem Schmerz. Es kann also sein, dass du die Schmerzen zwar nicht auf die gleiche Weise im Körper verorten kannst wie zum Beispiel, wenn du dir den Fuß brichst. Emotionale Schmerzen sind aber trotzdem wirklich da und haben körperliche Auswirkungen. Die können so intensiv sein, dass man sich vielleicht auch kaum mehr bewegen kann. Mit anderen Worten: Wenn jemand den ganzen Tag im Bett liegt und stundenlang Netflix schaut, dann tut er dies vielleicht, weil er gar nicht aufstehen kann und weil er sich mit Netflix ein wenig von den Schmerzen ablenken kann und es nur so schafft, überhaupt den Tag zu überstehen. Was nach außen hin wie Faulheit aussehen kann, ist also vielleicht reines Überleben.

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Sie halten dich für schwierig.

Dies gehört auch oft zu den Reaktionen von Menschen, die einem nicht wirklich glauben. Sie denken, dass du einfach immer eine Sonderbehandlung brauchst und eben ein besonders schwieriger Mensch bist. Die Dinge funktionieren für dich nicht einwandfrei so, wie sie für andere Menschen funktionieren und du brauchst deshalb einfach teilweise andere Voraussetzungen, um zum Beispiel gut arbeiten zu können. Als Mensch mit chronischer Erkrankung oder Behinderung steht dir das auch vollkommen zu. Leider sehen das viele als zu großen Umstand an, den sie nicht bereit sind, auf sich zu nehmen, auch wenn es sich häufig nur um kleinere Anpassungen handelt, die bei näherem Hinsehen gar nicht mal so kompliziert sind. Und selbst wenn sie es sind – sie sind im Sinne der Chancengleichheit nun einmal notwendig.

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Sie nehmen dich nicht mehr ernst.

Eine andere Reaktion, die häufig eintritt, wenn man sich als psychisch krank outet, ist, dass man nicht mehr ernst genommen wird. Die Leute gehen davon aus, dass du nicht klar denken kannst und dass du völlig inkompetent bist. Im Job kann das zu ziemlich heftiger Diskriminierung führen. Was du sagst, hat kaum mehr Gültigkeit, und die Arbeit, die du leistest, wird gleich viel schlechter bewertet. Manchmal ist es ihnen gar nicht so recht bewusst, sondern es ist eher ein Gefühl, das den Umgang mit dir unterschwellig beeinflusst. Dass sie zum Beispiel Dinge häufiger erklären, obwohl du bereits gesagst hat, dass du es verstanden hast. Oder dass sie deine Arbeit noch einmal extra nachprüfen, ob auch alles stimmt. Oder dass sie Dinge lieber gleich einfach selbst übernehmen und dir nur noch ganz kleine Aufgaben zukommen lassen, obwohl du eigentlich ganz andere Kompetenzen hast. Manchmal kommt es sogar so weit, dass einem Vorgesetzte und Kolleg*innen überhaupt nichts mehr zutrauen und man am Ende den Job verliert. Oft werden dann andere Gründe für eine Kündigung vorgeschoben, oder man geht schlussendlich freiwillig, weil man einfach zu viel Diskriminierung erfährt.

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Sie glauben, dass du ein*e schlechte*r Freund*in bist.

Vielleicht liegt es daran, dass du häufiger kurzfristig absagen musst, weil es dir schlecht geht und sie dich deshalb als unzuverlässig wahrnehmen. Oder daran, dass du in manchen Situationen ein wenig abwesend bist, und sie das Gefühl bekommen, dass du ihnen nicht richtig zuhörst. Oder daran, dass du wegen einer Angststörung nicht gut spontan sein kannst. Oft kommt es aber gar nicht unbedingt so weit, dass sie diese Dinge überhaupt mitbekommen, weil sie sich bereits von dir distanzieren, sobald sie von deiner Erkrankung oder Behinderung wissen oder sie vemuten. Entweder denken sie, dass sie zu sehr hineingezogen und mitbelastet werden könnten, oder sie haben Stereotype im Kopf von psychisch Kranken, die nicht freundschafts- oder beziehungsfähig sind und glauben, dass eine Freundschaft mit dir nur Stress und Drama bedeuten würde. Dass das bei dir, wie bei den meisten anderen Menschen mit psychischen Erkrankungen, vielleicht gar nicht der Fall ist, spielt da oft keine so große Rolle.

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Sie halten dich für gefährlich.

Manche Menschen reagieren auch, indem sie zu dir auf Abstand gehen, und haben vielleicht sogar Angst vor dir, weil sie denken, du seist gefährlich. Es gibt sehr viele Leute, die glauben, dass psychisch kranke Menschen eher Gefahr laufen kriminell und gewalttätig zu sein als gesunde Menschen.

Die Medien leisten da ihren Beitrag zu den Vorurteilen und dem Stigma: Es gibt nur wenige Berichte, in denen die psychische Erkrankung eines Opfers einer Gewalttat hervorgehoben wird. Viel häufiger hören wir von Gewaltverbrecher*innen, die schizophren sind, oder Attentäter*innen, die zufällig auch Depressionen hatten. Oft wird die Erkrankung dabei sofort in unmittelbaren Zusammenhang zu der jeweiligen Tat gestellt, obwohl das nur in den wenigsten Fällen tatsächlich so ist.

Auch in diversen Filmen und Serien sind „wahnsinnige Serienkiller“ oder Ähnliches zu finden. Eine realistischere Darstellung von Menschen mit psychischen Erkrankungen könnte das Stigma und die Vorurteile ein wenig verringern.

Tatsächlich ist es sogar so:

  1. Menschen mit psychischen oder geistigen Erkrankungen oder Behinderungen sind sehr viel häufiger Opfer von Gewalt und Missbrauch als dass sie Gewalttaten ausüben.
  2. Menschen mit psychischen oder geistigen Erkrankungen oder Behinderungen sind sehr viel häufiger Opfer von Gewalt und Missbrauch als Menschen ohne Erkrankung/Behinderung.
  3. Menschen mit psychischen oder geistigen Erkrankungen oder Behinderungen sind nicht generell gewalttätiger als Menschen ohne Erkrankung/Behinderung.

Und zu diesen Menschen gehörst du vielleicht auch. Du bist nicht gewalttätig, aber vielleicht hast du sogar schon Gewalt erlebt als Reaktion auf ein Outing als psychisch krank. Vielleicht hast du schon Freundschaften dadurch verloren. Vielleicht kannst du es in deinem Verhalten auch nicht besonders gut verbergen und hast das Gefühl, dass die Menschen dich einfach seltsam finden und sich deshalb von dir abwenden. Vielleicht kennst du auch nur einfach die Vorurteile und spürst das Stigma sehr stark. Vielleicht hast du aber auch das Gefühl, dass die Isolation und das Verstecktsein dich so sehr belasten, dass es deine Erkrankung sogar noch verschlimmert, und du hast das starke Bedürfnis, einfach offen du selbst sein zu können und in Freiheit zu leben.

Was machst du also? Wirst du dich outen?

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[ geschrieben von Anna (M) ]

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