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English Version

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„Meine Kindheit war lebensbedrohend“ –
Ein Interview mit Mary A. Dee

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Wir haben uns mit der Autorin und Poetin Mary A. Dee unterhalten. Sie hat drei Bücher herausgebracht, in denen einige der Gedichte, die sie während ihrer Psychotherapie geschrieben hat, gesammelt sind. In ihnen verarbeitet sie ihr Kindheitstrauma. Wir haben ihr ein paar Fragen zu ihrer psychischen Erkrankung, ihrer Therapie und ihrem Alltag gestellt.

Inhaltswarnung: Es wird gesprochen über sexuellen und emotionalen Missbrauch (nur erwähnt, nicht detailliert), häusliche Gewalt (nur erwähnt, nicht detailliert) und Symptome von PTBS und Dissoziativer Störung (detaillierter beschrieben).

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Queerlig: Was ist deine Diagnose?

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Mary A. Dee: Ich habe eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). In der Therapie haben wir aber nicht wirklich viel darüber gesprochen. Meine Therapeutin hat da gewartet, bis ich danach frage. Sie hat mir nicht gesagt: „So, sie haben jetzt das und das.“ Irgendwann, erst nach längerer Zeit Therapie, kam das einfach im Gespräch. Und viel später kam dann noch der Begriff „Dissoziative Störung“ auf – aber nicht „Dissoziative Identitätsstörung“, das wird oft verwechselt.

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Queerlig: Was ist da der Unterschied?

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Mary A. Dee: Die Dissoziative Identitätsstörung, das ist quasi die multiple Persönlichkeit. Da hast du verschiedene Identitäten, die eigenständig handeln. Und eine weiß aber von der anderen nichts. Eine von denen geht dann zum Beispiel einkaufen, und die andere weiß es nicht. Da hat man dann auch Zeitabschnitte, bei denen man überhaupt nicht weiß, wo man war und was man da gemacht hat. Und wenn du die Dissoziative Störung hast, das ist halt, ich sag mal, kurz davor. Es ist nicht ganz dieser Schritt der kompletten Spaltung. Es sind sozusagen verschiedene Persönlichkeitsanteile, die aber noch zusammenhängen. Und jeder Mensch hat ja verschiedene Persönlichkeitseigenschaften. Und bei mir sind diese Anteile aber ein bisschen eigenständiger, sag ich jetzt mal. Sie sind da, aber auch nicht so, dass sie mich übernehmen, im Sinne von ‚Jetzt bin ich drei Jahre alt und spiel im Garten Ball‘ oder so, und nachher bin ich 12 und weiß davon nix mehr. Also, so ist es nicht.

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Queerlig: Aber bei dir sind diese Anteile eben Kinder?

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Mary A. Dee: Ja, bei mir sind‘s lauter Kinder in verschiedenen Altersstufen und ein oder zwei Erwachsene.

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Queerlig: Was bedeutet es, eine solche Diagnose gestellt zu bekommen? Also, viele Menschen sehen das ja auch etwas kritisch, weil man irgendwie in so eine Schublade gesteckt wird.

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Mary A. Dee: Ich denk mal, bei mir war das nicht so, weil es eben nicht nach ein paar Wochen gleich hieß: „Sie haben jetzt das und das.“ Da, glaub ich, fühlst du dich vielleicht schon in ‘ne Schublade gesteckt. Sondern, weil es eben, wie es mich irgendwann interessiert hat, auf mein Fragen hin erst rauskam. Und ich dann wusste: Ah, es hat ‘nen Namen. Und dann, finde ich, ist es was Gutes, wenn man es benennen kann.

Wenn man zum Beispiel mit anderen Menschen darüber spricht, kann man sagen: Ich habe PTBS. Und man kann dann auch ein paar Symptome erklären, was es so bedeutet, statt zu sagen: „Mir geht’s irgendwie schlecht. Ich hab da irgendwas.“

Klar kann es auch mal sehr negativ auf Menschen wirken. Wenn sie Vorurteile haben, und du halt wirklich eine diagnostizierte psychische Erkrankung hast, dann sehen die das vielleicht eher so: „Okay, die ist quasi offiziell verrückt. Die hat’s amtlich.“ Aber mit solchen Menschen sollte man sich einfach nicht umgeben. Oder sie aufklären, wenn man sich das zutraut und, vor allem, wenn sie sich aufklären lassen.

Ich hab dann auch sehr viele Bücher gelesen über meine Erkrankungen, und mich da sehr viel informiert darüber, um es einfach besser verstehen zu können. Dafür war es auch sehr gut, eine Diagnose zu haben.

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Queerlig: Was genau ist denn eine Posttraumatische Belastungsstörung?

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Mary A. Dee: Also, es ist eine Störung, die auf einem Trauma basiert. Bei mir gab es ein sehr langes Trauma, das sich über Jahre zog. Ein Trauma ist ein Erlebnis, bei dem man in Lebensgefahr ist, und sich aus eigener Kraft nicht daraus befreien kann. Aber nicht jeder Mensch, der ein Trauma erlebt, bekommt eine posttraumatische Belastungsstörung.

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Queerlig: Das heißt, du hattest ein lebensbedrohliches Ereignis? Oder mehrere?

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Mary A. Dee: Mehrere. Meine Kindheit war lebensbedrohend. Was ich jetzt sagen kann und möchte ist, dass ich häusliche Gewalt und sexuellen und emotionalen Missbrauch erlebt habe, und das ging schon sehr früh los, eigentlich schon von Anfang an, seit ich geboren wurde. Aber mehr werde ich da nicht ins Detail gehen, denn sonst triggert das bei mir eine Dissoziation.

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Queerlig: Was genau ist denn eine Dissoziation?

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Mary A. Dee: Dissoziieren ist Wegdriften. Bei mir. Es ist, glaube ich, aber auch nicht bei jedem Menschen gleich. Manche, wenn sie dissoziieren, die sind einfach irgendwo an einem anderen Ort. Ich bin dann einfach weg. Nicht körperlich, sondern innerlich. Ich bin nirgendwo. Dann kriegt man von außen nicht mehr wirklich was mit, ich kann dann auch nichts mehr sagen. Es gibt da auch so Abstufungen, ein bisschen. Wenn ich merke, dass ich anfange, wegzudriften. Dann konnte ich immer noch nicken, aber nicht mehr den Kopf schütteln. Und ich konnte – es war ja dann häufig während der Therapie – meiner Therapeutin dann schon sagen, dass ich jetzt nicht mehr ganz da bin. Aber ich konnte es nicht wirklich stoppen.

Man kann schon eigentlich auch sagen, dass die Dissoziative Störung, zumindest in meinem Fall, ein Symptom der PTBS ist. Wir haben vorhin ja schon ein bisschen von den Persönlichkeitsanteilen gesprochen, aber es ist vielmehr eigentlich auch das „Wegsein“, also das Dissoziieren selber, das diese Störung bei mir ausmacht.

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Lest hier das Gedicht „Weg“, in dem Mary A. Dee ihre Dissoziation beschreibt.

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Queerlig: Und warum passiert das?

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Mary A. Dee:  Es wird durch einen Trigger ausgelöst. Und es hat mit dem Trauma zu tun. Im Prinzip ist die allererste Dissoziation beim Trauma passiert. Es ist ein Mechanismus, der evolutionär bedingt ist. Du bist in einer lebensbedrohlichen Situation und dann hast du quasi zwei Möglichkeiten, um da wieder rauszukommen: Du kämpfst oder du fliehst. Aber manchmal sind die ja beide versperrt. Und dann passiert so ein Einfrieren – Freeze – und da driftest du dann ab.

Das heißt, damals ist das passiert, zum ersten Mal, als Reaktion, die mir das Leben gerettet hat. Und deswegen ist Dissoziation eigentlich auch überhaupt nichts Schlechtes. Es ist im Erwachsenenleben, oder wenn keine wirkliche Gefahr droht, störend. Hinderlich. Nicht mehr nötig.

Aber die Psyche ist dann sozusagen so programmiert, auf bestimmte Dinge zu reagieren mit dieser Dissoziation. Dinge, die an diese Situation von damals erinnern.

Bei mir waren es sehr oft Geräusche. Am Anfang der Therapie, da waren wir noch in einer anderen Praxis als jetzt, da hat man manchmal aus der Nachbarwohnung Badewasser einlaufen hören. Und bei diesem Geräusch bin ich oft dissoziiert. Oder wenn wir über das Thema gesprochen haben. Wenn es zu nah ranging, dann war ich weg. Oder wenn ich einen Film angesehen habe und darin zum Beispiel häusliche Gewalt vorkam. Durch so etwas wird dann dieser Mechanismus ausgelöst, so nach dem Motto: „Gefahr! Jetzt muss geschützt werden!“

Deswegen sind Inhaltswarnungen auch so wichtig vor Filmen, Texten, Vorträgen und allem Möglichen.

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Queerlig: Gibt es noch andere Symptome?

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Mary A. Dee: Zu PTBS gehört zum Beispiel auch, dass man Alpträume hat. Und Schlafstörungen. Dass man vielleicht gar nicht mehr schlafen kann, oder nicht ein- oder durchschlafen. Und dadurch natürlich am Tag nicht belastbar ist. Andere Symptome sind auch noch Phobien, Panikattacken und Ängste. Ich bin jahrelang nicht Auto gefahren, zum Beispiel, weil ich zu große Angst davor hatte.

Und, dass man Flashbacks hat. Also, dass man plötzlich in eine Situation, die traumatisch war, zurückgeworfen wird, und sich darin befindet. Mit allen Gefühlen, die dazugehören. Auch wieder ausgelöst durch einen Trigger.

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Queerlig: Ist das wie so ein Film, der abläuft?

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Mary A. Dee: Das gibt es auch, dass man so Filme hat, oder auch nur einzelne Bilder, mal mit Ton, mal ohne Ton, mal mit Farbe, mal ohne Farbe. Aber ein Flashback ist kein Film, der in dir abläuft, sondern du bist in diesem Film. Du hast das Gefühl, du bist gerade wieder in dieser Situation – du BIST in dieser Situation gerade wieder drin. So muss man es eigentlich sagen. Und es ist eine Form von Dissoziation.

Und ich hatte immer das Gefühl, ich hab keinen inneren Kern. Dass dieser Punkt in der Mitte, der alles zusammenhält, dass der überhaupt nicht mehr da ist. Und dass alles in mir irgendwie so lose zusammengebastelt ist. Das ist auch noch ein Symptom. Als wäre ich durchlässig. Dass es mich als zusammengehaltene Person nicht mehr gibt. Man kann es halt echt schwer beschreiben.

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Lest hier ein Gedicht von Mary A. Dee darüber, wie sie diesen inneren Kern langsam wieder zu spüren begann.

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Queerlig: Und wann haben die Symptome angefangen? Da gab es ja eine Pause seit deiner Kindheit, als das Trauma passiert ist, bis es dann wieder hochkam.

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Mary A. Dee: Der sexuelle Missbrauch passierte in der Kindheit, und hörte auf, als meine Eltern sich trennten, also als ich sieben war. Der emotionale Missbrauch dauerte aber bis vor ein paar Jahren, bis ich zu meiner Mutter den Kontakt abgebrochen habe. Und als ich um die 30 war (ich bin jetzt 52), hatte ich Depressionen und verletzte mich selbst. Deshalb habe ich dann die Therapie angefangen. Zu dem Zeitpunkt habe ich von dem sexuellen Missbrauch aber nichts gewusst. Die Dissoziationen kamen auch erst, als wir tiefer zu diesen Themen vorgedrungen sind.

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Queerlig: Wie hast du deine Therapeutin dann gefunden?

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Mary A. Dee: Meine Therapeutin hab ich gefunden, indem ich das Telefonbuch durchgegangen bin und alle Therapeutinnen angerufen habe. Und die Erste, die persönlich ranging, war meine Therapeutin. Und seitdem bin ich da. Seit ca. 16 Jahren jetzt. Da hatte ich voll viel Glück, dass bei mir die erste Therapeutin gleich die Richtige war. Ich habe, glaube ich, nach dem Probetermin ein halbes Jahr gewartet, und dann ging es los mit der Therapie. Erst 14-tägig, und dann wöchentlich, jahrelang dann zweimal wöchentlich. Inzwischen bin ich wieder bei 14-tägig.

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Queerlig: Und was macht man dann in der Therapie? Viele stellen sich das vielleicht so vor wie im Film, dass man auf dem Sofa liegt und weint.

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Mary A. Dee: Ich denke, viele liegen auch auf dem Sofa und weinen. Ich hab nie auf’m Sofa gelegen, ich sitze auf einem Stuhl oder einem Sessel. Und ich weine auch nicht. Auch ein Symptom, übrigens.

Und.. Ja, wie läuft sowas ab? Am Anfang habe ich Bilder gezeichnet und mitgebracht, weil ich nicht sprechen konnte. Und später habe ich Texte geschrieben und mitgenommen. Und die hab ich ihr dann gegeben. Dann hat sich das meine Therapeutin erstmal angeschaut, und dann haben wir darüber gesprochen. Sie hat so Dinge gefragt wie zum Beispiel, was ich für ein Gefühl hatte, als ich es gezeichnet habe. Und was ich damit aussagen will. Das ging eine ganze Zeit lang so, weil ich halt einfach nichts sagen konnte.

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Queerlig: Waren es Bilder aus Flashbacks, die du gezeichnet hast?

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Mary A. Dee: Hauptsächlich waren das eher so Gefühle. Wie es mir so geht. Und dann hab ich irgendwann angefangen, auch manchmal kleine Texte zu schreiben. Zum Beispiel habe ich Träume aufgeschrieben. Im vierten Therapiejahr habe ich dann mit den Gedichten angefangen. Ich habe auf jeden Fall immer irgendwas mitgebracht, Text oder Bild, als Einstieg. Und dadurch kamen wir dann immer in das jeweilige Gesprächsthema rein.

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Queerlig: Und dann habt ihr einfach nur darüber gesprochen?

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Mary A. Dee: Was wir ganz am Anfang und wirklich sehr lange Zeit gemacht haben, war oft einfach nur das Aushalten. Das „In der Therapiesitzung Gefühle Aushalten“. Dass wir dagesessen sind. Wir haben oft nicht viel gesprochen, und haben einfach das, was gerade da war, ausgehalten. Also es gefühlt.

Wir haben also viel gesessen, wo man als Außenstehende*r sagt: „Was machen die da eigentlich? Die reden nix?“ Aber es war sehr intensiv. Ich hab ja Körperreaktionen dann auch gekriegt, dass ich angefangen hab, zu zittern, und die ganze Stunde nicht mehr aufhören konnte.

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Queerlig: Kannst du mehr zu den Gedichten erzählen? Wie du sie schreibst, und warum? Es müssen inzwischen ja ziemlich viele sein.

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Mary A. Dee: Ich schreibe Gedichte zum Sortieren. Gedanken ordnen. Inzwischen habe ich zwischen 1000 und 1500 Gedichte geschrieben. Ich habe sie am Anfang noch gezählt, aber irgendwann aufgehört.

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Queerlig: Wenn man die Gedichte liest, so alle nacheinander, alle drei Bücher, würde man dann im Prinzip deine Geschichte nachlesen?

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Mary A. Dee: Ja, ich glaube schon. Also, die Geschichte von der Vergangenheit und wie sich’s dann so bis zur Gegenwart entwickelt hat. Und man merkt auch, dass manche Themen einfach immer wieder durchgekaut werden müssen. Das Thema „Mutter“ zum Beispiel.

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Queerlig: Du hast deine Gedichte nicht für dich behalten, sondern sie veröffentlicht. Warum hast du das gemacht?

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Mary A. Dee: Für Betroffene, wenn sie das lesen sollten. Damit sie wissen, dass es möglich ist, einen Weg da raus zu finden.

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Queerlig: Wie ist dein Verhältnis zu anderen Menschen?

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Mary A. Dee: Ich lebe sehr zurückgezogen in meinem kleinen Häuschen. Habe meinen Mann und meine beiden Hunde. Meine Kinder sind erwachsen, ich habe aber zu allen guten Kontakt. Und zu meiner Schwester, mit der ich besonders verbunden bin, weil wir das Gleiche erlebt haben. Ansonsten habe ich eigentlich nicht wirklich viel Kontakt zu anderen Menschen. Ganz selten denke ich mir, in manchen Momenten, dass es auch ganz schön wäre, noch eine gute Freundin oder so zu haben. Aber meistens bin ich glücklich damit, wie es jetzt ist.

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Queerlig: Würdest du sagen, dass bei dir jetzt alles fertig aufgearbeitet ist, und jetzt alles gut ist?

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Mary A. Dee: Also, ganz fertig wird man nicht damit. Da hab ich ewig drauf hingearbeitet. Es ist einfach so, dass es jetzt immer noch zu Vorfällen kommen kann, dass es mir wieder schlecht geht. Dass wieder Alpträume kommen oder irgend sowas. Und dann ist es eben wieder da, aber es ist dann vielleicht nicht mehr so lange da und nicht mehr so intensiv.

Durch die Therapie kann ich jetzt auch besser damit umgehen. Es ist hilfreich, dass meine Therapeutin mich dann auch wieder daran erinnert, wie man es verräumen kann. Dass ich es nicht mehr bearbeiten muss, in dem Sinne, weil es eigentlich schon bearbeitet wurde. Es ist einfach mal wieder da, dann muss man halt wieder mal durch, so ungefähr, aber dann kann man’s wieder wegräumen.

Ich denke, da kommen dann auch nur noch einzelne Sachen. Also, nur mal noch so ein Felsen, den man dann bearbeitet, aber kein riesiger Berg mehr. Und es ist dann auch einfacher, weil man weiß, dass man auch irgendwann auf der anderen Seite ankommt. Ich bin einfach nicht mehr so überfordert damit.

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Queerlig: Wie sieht denn dein Alltag so aus?

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Mary A. Dee: Ganz normal, würde ich sagen. Um 5 Uhr morgens wecken mich meine Hunde, dann werden die versorgt, und ich trink ‘ne Tasse Tee. Um 6 geh ich mit ihnen spazieren, um halb 8 gieß ich den Garten, und danach frühstücke ich. Das ist in etwa jeden Tag genau so. Dann telefoniere ich meistens mit meiner Schwester. Dann kümmer ich mich ein bisschen um den Haushalt, und arbeite im Garten. Wenn mein Mann frei hat, ist er auch Zuhause, dann koch ich ihm vielleicht was.

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Queerlig: Und du lebst mit den Persönlichkeitsanteilen, den Kindern zusammen? Wie ist das denn?

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Mary A. Dee: Die Kinder melden sich vor allem dann, wenn ich sie vielleicht mal vernachlässige. Ich muss also darauf achten, das zu tun, was für alle meine Anteile gut ist. Wenn ich zum Beispiel eine Zeit lang keine Bilder mehr ausgemalt habe, oder keine Kinderbücher mehr gelesen habe, dann könnte sich eines der Kleinen melden. Mein Schlafzimmer zum Beispiel sieht aus wie ein Kinderzimmer, von dem die meisten anderen, „normalen“ Menschen vielleicht sagen würden, dass es etwas überladen sein könnte. Weil für alle etwas dabei sein muss. Ich habe es mir so eingerichtet, dass wir uns alle darin wohl fühlen können.

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Lest hier das Gedicht „Normal?“ von Mary A. Dee.

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Queerlig: Wie fühlst du dich denn bei dem Begriff psychische „Störung“?

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Mary A. Dee: Grundsätzlich finde ich dieses Wort schon passend. Im alltäglichen Leben ist es ja durchaus so, dass wenn ich plötzlich wegdrifte und nicht mehr da bin, dass das dann „stört“ in dem Moment. In dem Sinne ist es ja auch wirklich eine „Störung“ und der Begriff ist dann auf jeden Fall treffend. Nur, wenn es von anderen dann auf eine Art verwendet wird wie „Du bist ja gestört“, dann ist es abwertend. Ich bin nicht gestört, sondern ich werde gestört, von Triggern zum Beispiel, die eine Dissoziation auslösen.

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Queerlig: Stören dich denn die inneren Kinder? Oder bist du froh, dass sie da sind?

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Mary A. Dee: Früher war ich nicht sehr froh, dass die einzelnen Anteile da sind. Denn da kam eines nach dem anderen so auf, sie erwachten sozusagen wieder in mir. Und da kommt man sich schon verrückt vor. Dass da plötzlich irgendwas da ist, das ich in mir drin sehen und hören und fühlen kann. Hören, vor allen Dingen. Sie waren halt lange Zeit, würde ich sagen, störend, weil ich sie immer gehört hab. Es ist aber nicht wie das Stimmenhören in einer Psychose oder so.

Ich habe zum Beispiel manchmal einfach ein Baby weinen gehört, und das war dann sozusagen mein Vergangenheits-Ich, das aber noch da ist, weil es damals eben in mir „eingefroren“ ist. Und das Trauma damals, es hörte ja nicht auf, es war nicht nur eine Situation. Es ist immer wieder passiert, und deshalb bin ich auch immer wieder, in verschiedenen Altersstufen eben, eingefroren.

Was mir passiert ist, war nicht gut. Die Personen, die es mir angetan haben, die waren nicht gut. Meine Aufteilung in mehrere Anteile ist aber etwas Gutes, denn sonst gäbe es mich nicht (mehr). Es könnte sein, dass es mich als Person noch gäbe, irgendwie zombiehaft, irgendwo eingesperrt. Aber dadurch, dass ich halt immer wieder Teile abgespalten habe, wurden sie aufbewahrt, haltbar gemacht. Und dadurch konnte ich sie – das heißt, mich – eben in der Therapie wieder zusammensetzen.

Wenn diese Spaltung nicht gewesen wäre, dann wäre ich vielleicht wirklich verrückt geworden. Dann wären diese Teile von mir ja weg gewesen und ich hätte sie nie mehr zusammensetzen können. Und ich weiß nicht, wie man dann überlebt, wenn man quasi die Seele verliert.

Und inzwischen kann ich mit ihnen ja gut umgehen und bin auch sehr froh, dass sie da sind. Sie stören also nicht. Sie sind ja ich. Alle zusammen, das bin ich, und es ist gut, dass ich da bin.

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Lest hier das Gedicht „Die Träume der Wolken“.

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Mary A. Dees drittes Buch „Die Träume der Wolken“ ist hier erhältlich. Die anderen beiden sind derzeit in Überarbeitung, und können deshalb gerade nicht bestellt werden. Sie werden in einiger Zeit wieder neu herausgebracht, also haltet Ausschau danach 😉

Seid aber bitte sehr vorsichtig, wenn ihr sie lest. Einige der Inhalte sind sehr heftig und können sehr triggernd sein. Wenn ihr noch nicht volljährig seid, lest sie am besten nicht alleine, sondern zusammen mit jemandem, der schon ein wenig älter ist als ihr.


Falls ihr häusliche, emotionale oder sexuelle Gewalt erlebt oder etwas Derartiges in eurem Umfeld mitbekommt, könnt ihr hier Hilfe finden:

www.hilfetelefon.de

(Hier ist zwar speziell von Gewalt gegen Frauen die Rede. Aber egal, welches Geschlecht oder Alter ihr habt – ihr könnt auf jeden Fall dort anrufen oder mit jemandem chatten und Hilfe bekommen.)

 

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