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English Version

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EIN BRIEF AN DEN KÖRPER: INTERVIEW MIT ANNA (M)

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Vor ein paar Tagen haben wir euch das Dear Body Project kurz vorgestellt, in dem Menschen Briefe an ihre eigenen Körper schreiben. Und auch unsere Anna (M) hat bei dem Projekt mitgemacht! Sie hat ihren eigenen Körper gezeichnet und das dann zusammen mit einem Gedicht und einem kleinen Dear Body Brief auf instagram geteilt. Ein paar Wochen später hat sie dann auch noch eine zweite Zeichnung und noch ein Gedicht gepostet, und vielleicht wird sogar eine kleine Serie daraus. Wenn ihr diesem Link folgt, könnt ihr euch ihre Beiträge zu dem Projekt ansehen.

Wir lieben sowohl das Projekt als auch Anna, also hat uns natürlich interessiert, wie es ihr dabei ging, mitzumachen und haben ihr deshalb ein paar Fragen dazu gestellt:

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Anja: Wie bist du auf das Projekt aufmerksam geworden und warum wolltest du mitmachen?

Anna (M): Aufmerksam geworden bin ich dadurch, dass ich schon seit einiger Zeit Ari Fitz auf Social Media folge. Sie hatte die Idee zu dem Projekt und hat es auf die Beine gestellt.

Mitmachen wollte ich, weil meine Beziehung zu meinem Körper eigentlich mein ganzes Leben lang schon problematisch war, und ich mich immer wieder auch damit beschäftigt habe, vor allem in der letzten Zeit.

Man macht mit, indem man einfach einen Brief an den eigenen Körper schreibt und das dann auf instagram postet.

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Anna (T): Das ist also nicht das erste Mal, dass du dich mit deinem Körper auseinandersetzt?

Anna (M): Nein. Eigentlich hatte ich eine schwierige Beziehung zu meinem Körper, solange ich mich erinnern kann. In meiner Familie ist das auch so eine Sache… Da sind Essstörungen nämlich schon sehr häufig vorgekommen. Deswegen bin ich mit solchen Sachen eigentlich auch schon aufgewachsen.

Und es gab noch ein paar andere Dinge, die ich erlebt hab, die sehr schwierig waren. Wie zum Beispiel körperliche und emotionale Gewalt. Und die haben irgendwie auch dazu geführt, dass ich mich mit meinem Körper nicht so richtig verbunden gefühlt hab.

Als Jugendliche hab ich dann immer mehr auch darauf geachtet, wie mein Körper so aussieht und was er für eine Form hat. Ich fand mich zu dick, und wollte abnehmen. Ich hab mich sehr mit meinen Mitschülerinnen verglichen (ich war auf einer Mädchenschule) und mit den Menschen im Fernsehen und auf Werbeplakaten und überall. Da sind nämlich fast immer nur schlanke Menschen, vor allem bei Frauen gehört das ja ganz stark zum Schönheitsideal. Und ich wollte immer meinen Körper so verändern, dass er in dieses Idealbild passt. Weil ich dachte, dass ich sonst nicht schön bin.

In den letzten Jahren habe ich aber einen etwas anderen Weg eingeschlagen. Da hab ich mich immer wieder damit auseinander gesetzt, was Schönheitsideale eigentlich sind. Und wie es sich für mich anfühlt, in meinem Körper zu sein, der nunmal einfach anders aussieht als diese Idealvorstellung. Egal, was ich mache, er sieht einfach nicht so aus.

Ich hab schon mehrere Selbstportraits gemalt und gezeichnet, und da ging es eigentlich immer wieder darum, dass ich mich mehr mit meinem Körper und seinem Aussehen beschäftigt habe. Und Gedichte hab ich auch einige zu dem Thema geschrieben.

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Anja: Warum hast du das Medium der Zeichnung gewählt?

Anna (M): Also, ich habe ja eigentlich nicht nur das Medium der Zeichnung gewählt. Zu meinen Beiträgen zu dem Projekt gehören auch Gedichte und jeweils ein kleiner Brief an meinen Körper. Ich habe also zusätzlich zum Medium der Zeichnung auch die Wortsprache gewählt. Das liegt vor allem daran, dass das einfach meine Ausdrucksformen sind, die für mich am besten funktionieren. Ich male und zeichne schon lange sehr viel, und hab sogar Kunst studiert. Aber ich schreibe auch sehr gerne Gedichte.

Hier ist beides wichtig für mich. Das Bild, weil es ja um das Aussehen meines Körpers geht. Also passt auch ein Medium gut, das eben das Aussehen meines Körpers zeigt. Die Worte, die ich zusätzlich habe, drücken dann noch einiges aus, was in mir so vorgeht. Meine Gedanken und Gefühle in Bezug auf meinen Körper.

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Anna (T): Wie funktioniert es, sich selbst zu zeichnen? Hast du einen Spiegel benutzt oder Fotos? Wie lange hast du dafür gebraucht?

Anna (M): Ich hab sowohl Fotos als auch einen Spiegel verwendet. Zuallererst hab ich meine Tageslichtlampe aufgestellt (ich habe meistens am Abend oder in der Nacht gezeichnet), sodass ich von einer Seite beleuchtet wurde. Dadurch entstehen stärkere Schatten- und Lichtverläufe auf meinem Körper. Außerdem hab ich meinen großen Spiegel mir gegenüber aufgestellt. Und dann hab ich im Prinzip schon angefangen zu zeichnen. Zwischendurch mache ich dann oft noch Fotos. Die helfen mir vor allem bei Details. Ich hab ziemlich schlechte Augen, und um diese Details zu sehen, müsste ich ganz nah an den Spiegel ran. Aber dann würde ich ja meine Position verlassen, und die muss ich ja beibehalten, um sie abzeichnen zu können. Bei einem Foto kann ich einfach ganz nah ranzoomen.

Es war außerdem schwer, die rechte Hand zu zeichnen, weil sie ja immer den Stift hält. In der ersten Zeichnung ist sie deshalb außerhalb des Bildes (es ist natürlich gespiegelt). In der zweiten ist sie zu sehen, da haben mir dann auch Fotos weitergeholfen.

Meistens dauert es mehrere Stunden am Stück, und ein paar Tage später mach ich dann oft noch ein paar kleine Ausbesserungen.

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Anna (T): Hast du die Zeichnungen gleich für die Öffentlichkeit gemacht und wie viel Mut hat es gekostet, sie zu veröffentlichen?

Anna (M): Hm, also bei diesen Zeichnungen hab ich schon auch an das Dear Body Project gedacht, und mir überlegt, da mitzumachen. Ich hab es aber erst endgültig entschieden, sie auch wirklich zu veröffentlichen, als sie fertig waren. Übrigens werde ich wahrscheinlich auch noch ein drittes Bild zeichnen (und vielleicht auch noch mehr).

Es war ein sehr großer Schritt für mich, mich selbst nackt zu zeichnen. Das allein hat schon viel Mut gekostet. Meine bisherigen Selbstportraits waren immer angezogen. Es waren aber auch ganz interessante Situationen, ich habe da sehr viel Zeit mit mir allein und meinem Körper verbracht, und musste ihn ja auch ganz genau ansehen, um ihn zeichnen zu können. Die Bilder dann zu veröffentlichen, hat mich schon sehr nervös gemacht. Ich zeige ja nicht nur einfach meinen Körper. Ich zeige auch einen Körper, der so in der Gesellschaft oft nicht akzeptiert wird und deshalb auch oft schlecht behandelt wird. Umso wichtiger war es mir aber auch.

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Anja: Wie hast du dich dabei selbst gefühlt? Was hat es in dir ausgelöst? Hat es dein Körpergefühl verändert? Fühlst du dich jetzt wohler?

Anna (M): Während ich gezeichnet habe, war das ganz komisch. Vor allem beim zweiten Bild. Da saß ich nämlich relativ bequem auf meinem Bett, und habe fast die ganze Nacht gezeichnet. Und ich hab es irgendwann sogar richtig genossen, so allein mit mir zu sein, und Zeit mit meinem Körper zu verbringen. Ich habe auch langsam angefangen, meinen Körper so im Spiegel anzusehen und ihn dabei schön zu finden. Und das gibt mir ein ganz neues Gefühl. Dass ich gut bin, so wie ich bin. Dass ich hier sein darf. Dass ich mich selbst mag. Ich bin meistens sehr unsicher und schüchtern, und habe gemerkt, dass das sehr viel damit zusammenhängt, dass ich immer das Gefühl hatte, dass mich alle hässlich finden, und ich so, wie ich aussehe, mich eigentlich nicht zeigen sollte. Und dadurch habe ich auch meine Persönlichkeit weniger gezeigt.

Und jetzt zeige ich mich aber trotzdem, öffentlich, mit diesen Bildern. Ich zeige mich, und zwar ganz radikal. Ich mache das Gegenteil von dem, was mir immer beigebracht wurde: dass ich mich eigentlich verstecken sollte.

Und das ist bestärkend für mich. Ich habe damit meinem Körper zum ersten Mal den Raum zugestanden, den er bisher weder von anderen Menschen noch von mir selbst bekommen hat. Und damit habe ich auch plötzlich Raum für mich selbst, um zu existieren. Ich sage damit: „Ich bin hier, so wie ich bin, und das darf ich auch“.

Das heißt jetzt nicht, dass jeder Mensch sich selbst nackt zeigen muss, um ein besseres Verhältnis zum eigenen Körper zu bekommen. Aber es heißt, dass man das darf, wenn man es möchte. Und dass man sich nicht verstecken muss, egal, wie der Körper aussieht. Jeder Körper ist anders, wir alle haben unterschiedliche Formen und Farben, und die sind alle schön. Nicht nur das Idealbild, das wir aus Filmen, Musikvideos und der Modewelt kennen.

Ich muss noch einen langen Weg gehen, aber das waren ein paar der ersten Schritte, und die haben auf jeden Fall geholfen, um mich in meiner Haut besser zu fühlen. Ich traue mich zum Beispiel jetzt, Kleider anzuziehen und mit nackten Beinen rauszugehen (also ohne Leggings oder Strumpfhose). Das habe ich bestimmt 15 Jahre lang nicht mehr gemacht.

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Anna (T): Wie hängen die Gedichte und die Zeichnungen zusammen?

Anna (M): Beim ersten war es so, dass ich ein Gedicht ausgewählt habe, das ich schon einige Zeit vorher geschrieben hab. Da habe ich mich auf ähnliche Weise mit meinem Körper auseinandergesetzt wie in dem Bild und deshalb hat es einfach gut gepasst. Da geht es darum, dass ich das Gefühl hatte, gar nicht richtig in meinem Körper zu sein. Er war mir irgendwie fremd und leer. Und schien irgendwie einfach nicht wie ein guter Ort, in dem man leben könnte. Der Brief, der dann noch kommt, spricht glaub ich für sich selbst.

Bei der zweiten Zeichnung und dem dazugehörigen Gedicht war es ein bisschen anders. Da hab ich mich ganz konkret mit einer bestimmten Sache auseinandergesetzt und daraus ist sowohl das Gedicht als auch die Zeichnung dann entstanden. Es geht dabei zum einen um all die vielen Botschaften, die man aus der Gesellschaft und aus den Medien bekommt, wodurch man vor allem als Frau nicht mehr ganz über den eigenen Körper verfügt. Der Körper wird da oft eher wie ein Gegenstand behandelt, den man betrachten, bewerten, besitzen und benutzen kann. Wenn man mir vorschreibt, welche Form mein Körper haben darf, dann nimmt man mir auch ein bisschen meinen Körper weg. Oder wie ich ihn verhüllen darf und wie nicht. Oder was ich esse, wie ich mich bewege, wie ich mich selbst berühre oder wen ich mich berühren lasse. Das sind alles Entscheidungen, die eigentlich nur ich treffen darf. Wenn mir jemand diese Entscheidungskraft nimmt, nimmt man mir auch den Körper. Und wenn man mir den Körper nimmt, dann nimmt man mir das, worin ich lebe. Also meinen Lebensraum, meinen Raum zum Atmen, meinen Raum zum Sein. Und dann existiere ich nicht richtig.

Vor allem dachte ich bei der zweiten Zeichnung und dem Gedicht an einen Menschen, der mich mal sehr ausgenutzt hat. Und auch meinen Körper. Das gehört zu all diesen Sachen dazu, die ich schon aufgezählt habe, ist aber nochmal ein einschneidenderes Erlebnis gewesen. Die Buchstaben im Titel des Gedichts sind deshalb auch die Initialen dieser Person, die im Gedicht direkt angesprochen wird.

Auch bei der Zeichnung habe ich unter anderem an diesen Menschen gedacht. Ich blicke darin die Betrachtenden direkt an, und öffne mich ein Stück weit. Aber ich setze auch klare Grenzen, vor allem durch die verschränkten Hände direkt vor meiner Vulva. Sowohl in der Zeichnung als auch im Gedicht nehme ich meinen Körper wieder für mich ein. Er gehört mir, und ich verfüge darüber. Und sonst niemand.

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Mehr von Annas Kunst findet ihr unter www.annamariadirrigl.de.

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